Alter Konflikt mit neuer Dimension

Der in den letzten Tagen austretende Ausbruch von Gewalt im israelisch-palästinensischen Konflikt ist der Schwerste seit 2014, innerhalb weniger Tage ist die Anzahl getöteter und verletzter Personen insgesamt auf beiden Seiten auf ein dreistelliges Niveau gestiegen, während vom Gazastreifen noch nie so viele Raketen wie zuvor innerhalb solch kurzer Zeit gestartet wurden, dass selbst das vielfach bejubelte Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ Israels an seine Kapazitäten stößt. Sowohl Gaza, als auch mehrere israelische Städte sind von kriegerischer Zerstörung geprägt, beide Seiten machen vor zivilen Opfern keinen Halt. Währenddessen kommt es in einigen israelischen Städten zu Aufständen und Unruhen zwischen arabischen und jüdischen Israelis, das Zutage treten derartiger ethnischer Spannungen ist nicht nur ein Novum in diesem Nahostkonflikt, sondern auch Ausdruck eines möglicherweise lange bevorstehenden Konfliktes innerhalb der Bevölkerung, welcher tiefe Gräben erzeugen könnte, angestiftet von den radikalen Kräften beider Seiten.

Palästinensische Raketenoperationen begannen bereits am Montag: Die beabsichtigten Ziele befanden sich allesamt in Zentralisrael. In der „ersten Phase“ konzentrierten sich die Raketenangriffe auf die Städte Ashkelon und Askalan. Das Gros der Projektile wurde von Hamas gefeuert, nachdem ihr Ultimatum zum Abzug israelischer Truppen aus Ost-Jerusalem in der Nacht zum Dienstag verstrichen ist. Bis zu 200 Raketen wurden demnach abgefeuert, verglichen mit den letzten Jahren und Jahrzehnten ein Vervielfachung eingesetzter Geschosse innerhalb eines solch kurzen Zeitraumes, sodass der Iron Dome selber mit der schieren Anzahl überfordert und einen Teil nicht abwehren konnte. Dies führte zur Beschädigung mehrerer Gebäude, Straßen und des örtlichen Elektrizitätswerkes, zudem wurde die wichtige transisraelische Öl-Pipeline neben mehreren Öltanks der „Eilat Ashkelon Pipeline Company“ in Brand gesteckt. Insgesamt wurden mehrere Zivilisten verletzt und eine Person getötet. Wesentlich ereignisreicher war jedoch die Erkenntnis aus israelischer Seite, dass die islamistischen Kräfte in Gaza erheblich aufrüsten und die Schwäche des Iron Dome entlarven konnten, welcher zur Abwehr einer hohen Anzahl von Projektilen innerhalb kürzester Zeit nicht fähig ist.

Dieses Szenario wiederholte sich auch noch am selben Tag in den wesentlich weiter entfernten Städten Tel Aviv, Holon und Ashdod, nachdem Israel Luftangriffe im Gazastreifen durchführte und dabei das 13 Stockwerke zählende Hochhaus „Hanadi“ zum Einsturz brachte. Die genaue Absicht hinter dieser Taktik ist ungeklärt, vor allem da Israel bereits ankündigte weitere Hochhäuser zu zerstören und beispielsweise den al-Jawhara-Turm attackierte, welcher von internationalen Journalisten genutzt wird und bereits 2009 und 2014 angegriffen wurden. Von den 80 Familien in Hanadi konnte ein Großteil vor den Luftbombardements fliehen, dennoch befindet sich eine unbekannte Anzahl an Zivilisten unter den Trümmern des Hauses. Insgesamt starben bisher über 40 Zivilisten in Gaza, während auf israelischer Seite vier Personen getötet wurden, hinzu kommen Hunderte Verletzte auf beiden Gebieten.

Als Reaktion auf diesen Vorfall in Gaza kam es dann erstmals zum Raketeneinsatz auf Tel Aviv, Holon und Ashdod, was die zweite Phase der Eskalation von Seiten palästinensischer Kräfte darstellte. Dort konnten erneut mehrere Projektile der insgesamt 130 gezündeten Raketen den Abwehrmechanismen des Iron Domes entgehen und in belebten Einkaufsstraßen für schwere Schäden sorgen und mehrere Fahrzeuge zerstören, darunter einen Bus. Dabei starb eine Person, Dutzende Weitere wurden verletzt. Auch der Flugverkehr zum Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv musste aufgrund der anhaltenden Gefahr gestoppt und die Flüge nach Zypern umgeleitet werden.

Aktuell haben sich die Auseinandersetzungen wieder an die Grenzgebiete des Gazastreifens angenähert, vor allem kommt es vereinzelt am Boden zu Vorfällen. So zerstörte der militärische Arm des „Islamischen Dschihads“, Saraya al-Quds, am ersten Tag des Konfliktes einen Pick-Up nahe der Grenze mithilfe einer Panzerabwehrlenkwaffe (Kornet), wodurch aber niemand verletzt wurde. Am Mittwoch kam es dann zum ähnlichen Einsatz durch die al-Qassem-Brigade, wodurch beim drei Mal hintereinander folgenden Einsatz von Panzerabwehrwaffen zwei israelische Soldaten getötet und zwei Weitere verletzt wurden. Israel reagierte mit Panzerbeschuss und Luftschläge von den Angriffspositionen, das genaue Ergebnis ist jedoch unklar. Bereits am Montag starben durch israelische Kampfjets zwei Militärkommandanten von Saraya al-Quds, welche für den Raketeneinsatz der jeweiligen Region zuständig waren. Zudem sollen offiziellen Angaben zufolge zwei Hamas-Kämpfer getötet worden sein.

Solche Situationen gab es in ganz Lod, wo ganze Parkplätze zerstört und etliche Häuser in Brand gesteckt wurden

Eine weitere Besonderheit neben der tatsächlichen Durchdringung der israelischen Luftabwehrsysteme ist in der fehlenden lokalen Einschränkung des Konfliktes zu finden. Während in den vorherigen Vorfällen die Gewaltexzesse sich weitgehend auf die Grenzgebiete zum Gazastreifen beschränkten, gibt es neben den Raketenangriffen auf Tel Aviv und Zentralisrael auch zu ethnischen Unruhen in verschiedenen Teilen des Landes. Besonders schwer davon betroffen ist die Stadt Lod, wo es über die Nacht hinweg zu schweren Ausschreitungen zwischen jüdischen und arabischen Anwohnern gekommen ist. Arabische Bürger kontrollierten faktisch die Ortschaft, blockierten Straßen, schossen auf Sicherheitskräfte, beschädigten Fahrzeuge und Gebäude, vorübergehend musste nach dem Rückzug der Polizei sogar der Notstand ausgerufen werden; das erste Mal seit 1966. Erst durch die Verlegung israelischer Truppen vom Grenzgebiet zum Gazastreifen nach Lod konnte die Situation wieder unter Kontrolle gebracht werden. Anderswo gab es ähnliche Situationen, in Acre wurde ein jüdisches Restaurant in Brand gesteckt, in Tuba Al-Zangariya eine Polizeistation attackiert, in Haifa Straßenblockaden errichtet. Anderswo kam es zu ähnlichen Szenarien durch israelische Juden, wo beispielsweise in Ramala alle Autos attackiert und bedroht wurden, die von Arabern gefahren wurden. Insgesamt offenbart der neue Ausbruch des Konflikt die bestehenden Spannungen im Land, welche selbst bei Ende der bewaffneten Auseinandersetzung nicht verschwinden werden.

Anlass für die neueste Runde an Eskalationen waren Streitigkeiten über die Eigentumsverhältnisse mehrerer Häuser im Viertel Sheikh Jarrah, Ost-Jerusalem. In Folge der ständigen Kriege in der Region kam es zu ständigen Eigentumswechseln zwischen Arabern und Juden, bis die betreffenden Gebäude einer jüdischen Siedlerorganisation zugesprochen wurde. Diese versuchten bereits mehrmals die dort seit Jahrzehnten lebenden arabischen Flüchtlinge zu vertreiben, was letzten Endes am sechsten Mai zu Ausschreitungen zwischen Arabern und den Siedlern führte. Diese Unruhen breiteten sich bis zur im Islam heiligen al-Aqsa-Moschee aus, die kurz daraufhin am neunten Mai von Polizeistreitkräften gestürmt und sämtliche Versammlungen und Gebete mit Tränengas und Gummigeschossen brutal aufgelöst wurden. Die Besetzung der al-Aqsa-Moschee wurde dann von Hamas und anderen Organisationen als Legitimation benutzt, wiederum eigene Angriffe auf Israel durchzuführen.

Ein kurzfristiges Ende des neuen Gewaltausbruches ist nicht in Sicht, gemessen an den gegenseitigen Drohungen scheinen sowohl die palästinensischen Kräfte, als auch die israelische Regierung fest entschlossen den Konflikt zu suchen und diesen dann auch zu gewinnen. Bisher gelang der Hamas bzw. allen Gruppierungen in Gaza ein Achtungserfolg mit dem erfolgreichen Durchdringen des israelischen Abwehrschirms und den damit verbundenen Schäden in israelischen Orten. Einige Beobachter sehen für Israel nur noch die Möglichkeit, die Situation mithilfe einer Bodenoffensive in Gaza zu befrieden, welche wiederum zu einer neuen Eskalation führen wird, in der die Hisbollah im Libanon und der Iran nicht tatenlos zuschauen werden. Insbesondere die entstandene Eigendynamik von ethnischen Auseinandersetzungen an Orten wie Lod oder Ramala könnte ein dunkles Licht auf zukünftige Entwicklungen in Israel werfen; Menschen die zuvor noch Nachbarn waren, bekämpfen sich nun gegenseitig.

2 Kommentare zu „Alter Konflikt mit neuer Dimension“

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