Russische Luftschläge auf Idlib

Die russischen Luftstreitkräfte fliegen derzeit schwere Angriffe auf die letzte, noch von Islamisten kontrollierte Provinz, nachdem es kurz zuvor zu ungewöhnlichen Plänkeleien zwischen lokalen Milizen in Idlib und der syrischen Armee gekommen ist, die in dem Raketenbeschuss der unter der syrischen Regierung kontrollierten Millionenstadt Aleppo mündete. Trotz kleinerer Unterbrechungen hält die seit über einem Jahr andauernde Waffenruhe zwischen den beiden syrischen Fraktionen in Idlib, die von ihren jeweiligen Schutzmächten (Türkei und Russland) durchgesetzt werden, jedoch kam es seit August nicht mehr zu so einem massiven Einsatz russischer Luftschläge in der Region. Angegriffen werden militärische und ökonomische Ziele, die auf eine mögliche Konfrontation mit der Türkei hinweisen, welche die Waffenruhe zum Aufbau einer faktischen Protektorates in Syrien genutzt haben, welche auf die Kooperation mit den lokalen islamistischen Kräften setzt. Wie die türkische Regierung auf diese neueste Entwicklung reagieren wird, bleibt bisher abzusehen.

Die gesamte Situation startete am Sonntag morgen, als es entlang der Idlib-Frontlinien zu Auseinandersetzungen und gegenseitigen Artilleriebeschuss kam, welche inzwischen an der Tagesordnung liegen und die angespannte Lage vor Ort verdeutlicht. Syrische Kampfjets flogen vereinzelt Luftangriffe in der Provinz, wo unter anderem nahe der Stadt Atarib ein Militärkrankenhaus innerhalb einer Höhle bombardiert wurde, was zum Tod von fünf Personen führte. Als möglichen Vergeltungsakt darauf starteten bis dato unbekannte Kämpfer Raketenangriffe auf die Stadt Aleppo, wodurch im Firdous-Viertel ein Mensch getötet und Dutzende Weitere verletzt wurden. Dabei handelt es sich um den ersten Angriff auf den Ort seit dem Start der Idlib-Offensive 2019.

Kurz darauf nahm dann Russland seine Angriffe auf ganz Idlib auf, die bis zum jetzigen Zeitpunkt weiterhin andauern. Besonders schwer getroffen wurde der einzige Grenzübergang von Bab Hawa, der die Türkei mit der Provinz Idlib miteinander verbindet und zum ersten Mal direkt bombardiert wurde. Ein wichtiges Ziel dabei soll die Zollstation gewesen sein, die für lokale Kräfte und der Türkei eine wichtige Einkommensquelle darstellen soll. Weitere Raketen- und Luftangriffe gab es in der Nähe des Ortes al-Qoh, wo eine wichtige Gasaufbereitungsanlage in den Händen der dschihadistischen Miliz „Tahrir al-Sham“ (ehemals bekannt unter den Namen Fateh al-Sham und Jabhat al-Nusra) getroffen wurde. Derzeit soll Russland auch seine Operation auf Süd-Idlib ausweiten, dennoch liegt die Konzentration bisher entlang der türkischen Grenze.

Bisher ist ungeklärt, ob es sich hierbei nur um einen isolierten Vorfall handelt oder es den Beginn einer neuen Taktik von Russland und der syrischen Regierung handelt, die gezielt gegen ökonomische Ziele in Idlib und Nord-Aleppo angreifen werden, so wie es bereits mehrmals vor einigen Wochen geschehen ist. Ein wichtiger Faktor wird dabei sein, ob und wie die Türkei reagieren könnte. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das türkische Militär als Reaktion „Vergeltungsaktionen“ gegen die syrischen Kurden starten wird, obwohl diese nicht in den jeweiligen Vorfällen involviert sind.

Diese Spannungen sind wohl Ausdruck der weiterhin existierenden Unklarheiten bezüglich der Situation in der letzten, noch von Islamisten gehaltenen Provinz Idlib. Während die syrische Regierung und Russland zunehmend darauf setzen, die letzten Oppositionsgebiete zu erobern und immer wieder ihre Positionen entlang der Frontlinien verstärken, ist die Türkei inzwischen mit einem riesigen Truppenaufgebot in Idlib aktiv, inklusive Luftabwehrsystemen und etlichen Kampfpanzern. Zudem wurden die gemeinsamen Patrouillen entlang der „demilitarisierten Zone“ in Idlib erst vor kurzem angegriffen, was einen langfristigen Zweck dieser Mitarbeit in Frage stellt, auch da die Türkei keine Schritte zur Bekämpfung der islamistischen Fraktionen unternimmt, die genau derartige Angriffe durchführen. Außerdem konkurrieren die Länder auch in anderen Konfliktherden (Libyen und der Kaukasus) zunehmend gegeneinander.

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