In der Nacht kehrt der Islamische Staat zurück

Im unwirtlichen Terrain Ostsyriens überdauert seit Jahren der Islamische Staat als versprengte Guerilla-Gruppierung, welcher trotz diverser Behauptungen noch lange nicht besiegt ist. In unregelmäßigen Abständen führen sie innerhalb der syrischen Wüste, auch als Badia al-Sham bekannt, Angriffe auf Militärstellungen, Konvois und zivile Infrastruktur aus, die sich unter der Kontrolle der syrischen Regierung oder dem arabisch-kurdischen Milizenbündnis der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) befinden. Seit einem Monat haben derartige Überfälle der Terrormiliz erheblich zugenommen, der IS erweitert nicht nur sein Operationsgebiet bis in Zentralsyrien hinein, sondern auch ihre Angriffsziele wie kritische Energieinfrastruktur für Syrien. Trotz russischer Unterstützung scheinen die syrische Armee und die SDF nicht dazu fähig zu sein, dieser wachsenden Gefahr entschieden entgegenzutreten. Die Situation ist derart kritisch, dass viele Beobachter den Islamischen Staat als den tatsächlichen Herrscher über die Badia al-Sham in der Nacht ansehen.

Das primäre Operationsgebiet des Islamischen Staat befindet sich weiterhin in den Wüstengebieten östlich und westlich des Euphrats, im Falle des Regierungsterritoriums auf das Gebiet zwischen den Städten Deir ez-Zor und al-Suknah. Dort kommt es regelmäßig zu Überfällen auf die isolierten Straßen, insbesondere der M7-Autobahn mitten durch die Wüste, worunter Zivilisten und Militärkonvois gleichermaßen leiden und seit Jahren Bestandteil der IS-Taktik ist, neue Lebensmittel, Waffen etc. zu beschaffen. Wesentlich neuer ist die Expansion in den südlichen Teil der Provinz Rakka und der Provinz Hama in Zentralsyrien. Dort wiederholen die Dschihadisten ihre altbewährten Taktiken, beispielsweise wurden dem IS zufolge Armeestellungen in der Nähe von Itriyah und Salamiyah überfallen und zerstört, dazu kommen noch wöchentlich mehrere zerstörte Fahrzeuge. Zu den neuesten Taktiken gehört es, improvisierte Sprengstoffvorrichtungen (IEDs) und Minen zu legen, die z.B. vor fünf Tagen zur Ermordung von fast 20 Zivilisten in einem Bus führte. Die Situation in der Provinz Rakka ist vergleichsweise undurchsichtig, da es dort von allen involvierten Seiten kaum Meldungen oder eine Medienpräsenz gibt.

Auf der anderen Seite des Euphrats sieht die Situation ähnlich kritisch aus. Insbesondere die Provinz Deir ez-Zor, welche der letzte Rückzugsort des Islamischen Staates in Syrien war und aufgrund des Wüstenterrains ebenfalls gute Möglichkeiten des Guerillakampfes bietet, ist immer wieder Schauplatz von Gefechten zwischen der SDF und dem IS, Entführungen oder Überfälle auf Kontrollpunkte finden nahezu tagtäglich statt, auch da die örtliche Bevölkerung weiterhin Sympathien für die Dschihadisten hegt. Zuletzt gab es einen Angriff auf eine Erdgas-Pipeline in der Nähe des Omar-Ölfeldes, die den Export bzw. Transport der Ressourcen zum erliegen brachte. Auch im Regierungsterritorium gab es einen ähnlichen Vorfall, jedoch bekannte sich dazu eine bis dato unbekannte Gruppierung mit dem Namen „Al-Sharqiya-Brigade in engen Kontakten mit der Opposition und Türkei stehen soll.

Nichtsdestotrotz gibt es Bemühungen von Allen, sich der Problematik des Islamischen Staates in Ostsyrien zu stellen. Der SDF gelingt es mit amerikanischer Unterstützung, IS-Sympathisanten und kleinere Kreise festzunehmen, zudem erzeugt eine neue Regierungsreform, die zum Abtritt der derzeit korrupten Sicherheitsrat in Deir ez-Zor führen würde, für Hoffnungen innerhalb der regionalen Bevölkerung. Dennoch hat die SDF erhebliche Probleme ihre Kontrolle auszuüben, in mehreren Orten ziehen sich zum Sonnenuntergang die wenigen SDF-Kämpfer zurück, was wiederum das Feld für den IS eröffnet. Die syrische Regierung kann aufgrund der Waffenruhe im Nordwesten des Landes Ressourcen für Anti-IS-Operationen freimachen, jedoch ist ein Großteil der Armee weiterhin an den Frontlinien mit der Opposition gebunden.

Zuletzt starteten Milizen wie die aus Aleppo stammende Liwa al-Quds eigene Säuberungsoffensiven, die zum Fund mehrerer geheimer Waffendepots, der Eliminierung mehrerer IS-Kämpfer oder dem Ausheben von angeblichen „Hauptquartieren“ führte. Dabei erleidet Liwa al-Quds aber auch schwere Verluste, über das letzte Jahr hinweg sollen sich die Verlustzahlen im dreistelligen Bereich befinden. Auch Russland agiert zunehmend aktiver im Kampf gegen den Islamischen Staat, in erster Linie geben sie Luftunterstützung. Passend dazu errichtet Russland derzeit einen eigenen Militärflughafen nördlich von Palmyra in Zentralsyrien, welches sich nahe jenem Gebiet befindet, in dem die Terrormiliz aktiv ist.

Der IS besitzt im Norden und Osten des Landes weiterhin eine große Präsenz, obwohl der offiziell aus dem Land vertrieben wurde. Schläferzellen erstrecken sich quasi über das gesamte Gebiet, welches von ihnen einst kontrolliert wurde und nährt sich teilweise aus der Unterstützung der lokalen, arabischen Bevölkerung. Inzwischen wird der Islamische Staat mutiger und dringt immer tiefer in Syrien hinein, zuletzt verübten sie Angriffe im Osten der Provinz Hama oder im Süden von Raqqah, wo sich der IS seit Jahren nicht mehr zeigte. Die UN schätzt die Anzahl der verbliebenen IS-Kämpfer in Syrien und Irak auf 10.000, wobei eine Mehrheit davon im Irak aktiv ist.

Die Wüste zwischen Syrien und Irak (Badia al-Sham) ist Operationsbasis und Rückzugsgebiet der versprengten IS-Kräfte in Syrien. Aufgrund des ungünstigen Terrains und kaum existenter Infrastruktur können sich die mobilen IS-Kämpfer ungehindert bewegen und damit den ständigen Säuberungskampagnen der kurdisch-arabischen „Syrischen Demokratischen Kräfte“, der syrischen Armee oder irakischer Streitkräfte entfliehen. Zwar starten alle Fraktionen immer wieder Säuberungskampagnen in der Wüste, jedoch gibt es stets ernsthafte Zweifel am Erfolg derartiger Operationen, da bereits in der Vergangenheit die erhoffte Wirkung ausblieb und man stattdessen nach kurzer Zeit wieder mit den üblichen Überfällen zu kämpfen hatte. Aufgrund der Präsenz islamistischer Aufständische in anderen Teilen Syriens ist es der syrischen Regierung auch nicht möglich, einen Großteil ihrer Kräfte und Kapazitäten auf die Bekämpfung des Islamischen Staates zu konzentrieren.

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