Syrische Regierung öffnet Flüchtlingskorridore in Idlib

In der letzten, noch von islamistischen Kräften kontrollierten Provinz Idlib kehrt eine alte Prozedur zurück: Die syrische Regierung plant die Wiederaufnahme mehrerer sogenannter „Flüchtlingskorridore“, die Zivilisten einen Ausweg aus Idlib ermöglichen bzw. auch wieder den Handel zwischen den verschiedenen Territorien erlaubt, nachdem in Folge der Covid-Pandemie und der geopolitischen Situation ein grenzübergreifender Transfer nicht möglich war. Zugleich könnte man diesen Schritt der Regierung auch als eventuelles Zeichen für eine Idlib-Offensive nutzen, die seit fast einem Jahr in Folge der türkischen Militärintervention gestoppt werden musste. Bereits in der Vergangenheit wurden diese „humanitären Korridore“ genutzt, um Belagerten aus z.B. Vorstädten von Damaskus oder dem belagerten Ost-Aleppo eine Fluchtmöglichkeit zu geben bzw. dem Gegner vorwerfen zu können, die Einwohner als Geiseln zu nehmen.

Insgesamt sollen drei solcher Korridor entlang der gesamten gemeinsamen Frontlinie eröffnet, Einer davon nahe der zuletzt schwer umkämpften Stadt Saraqib, ein Weiterer weiter nördlich in der Provinz Aleppo nahe dem Ort Miznaz und der Letzte in der Region von al-Bab, welches unter Schirmherrschaft der türkischen Armee und ihren syrischen Stellvertretern steht. Wie sehr diese Korridore letzten Endes tatsächlich von Menschen fernab genutzt werden, ist jedoch sehr fragwürdig. Gerade in Idlib haben sich jene Personen und Gruppierungen aus dem ganzen Land gesammelt, welche in tiefer Feindschaft gegenüber der Regierung stehen und viele Menschen nach Idlib geflohen sind, um sich vor der herrschenden Baath-Partei zu schützen. Ein entgegengesetzter Flüchtlingsstrom ist also eher unwahrscheinlich, insofern die syrische Regierung keine attraktiven Anreize für Rückkehrer schaffen würde, auch da die Gebiete unter Regierungskontrolle in einer schweren Wirtschaftskrise gefangen sind.

Die Vergangenheit hat bewiesen, dass diese Korridore lediglich bei militärischen Operationen Anklang finden, um sich dadurch vor der Zerstörung und Gewalt der Krieges zu retten, wie die Vorgänger in Aleppo oder Damaskus gezeigt haben. Beispielsweise flohen über einen Flüchtlingskorridor nahe der Stadt Hamouriyah in der Region Ost-Ghouta vor zwei Jahren tagtäglich Zehntausende Menschen, nachdem die syrische Armee beachtliche Erfolge im Kampf gegen die Opposition vorweisen konnte. In Aleppo gab es auch Fälle, in denen Menschen aktiv an der Flucht durch islamistische Parteien gehindert wurden. Dies änderte sich erst, als dieser Sicherheitsapparat unter der Militäroffensive der Regierung zusammenbrach.

Es ist also nicht unbedingt verwunderlich, dass die Errichtung dieser Flüchtlingswege von einigen Beobachtern als Vorbote einer Militäroffensive gesehen wird. Ob diese verwirklicht wird, hängt aber weiterhin von den jeweiligen Schutzmächten der Türkei und Russland ab, welche untereinander diverse Verträge unterzeichnet haben und um Einfluss im Levante kämpfen. Eine zumindest lokal beschränkte Offensive könnte die vollständige Einnahme der M4-Autobahn vorsehen, welche die Küstenstadt Latakia mit Aleppo verbindet und bereits heute fast vollständig unter Regierungskontrolle steht. Ein kleinerer Abschnitt in Süd-Idlib liegt aber im feindlichen Territorium, etwa zehn Kilometer von den eigenen Armeevorstellungen entfernt und wäre eigentlich bereits gesichert, hätte die Türkei nicht mit eigenen Truppen in den Konflikt interveniert und die letzte Idlib-Offensive damit zum Stopp gezwungen.

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