Raketenangriffe auf türkisches und amerikanisches Militär im Irak

Die letzten Tage im Nordirak waren von Eskalation und neuen Entwicklungen geprägt, nachdem eine türkische Militäroperation zur Befreiung mehrerer Geiseln aus den Händen der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) gescheitert ist. Schiitisch-irakische Gruppierungen, die innerhalb des Dachverbandes der „Volksmobilisierungseinheiten“ (PMU/PMF) organisiert sind und teilweise vom Iran unterstützt werden, solidarisierten sich dabei mit der PKK und drohten der Türkei mit Vergeltungsschlägen, sollten sie die irakische Souveränität weiterhin verletzen, indem sie weiterhin irakisches Territorium unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung besetzt halten. Nur einen Tag später wurden diese Drohungen in die Tat umgesetzt: Mehrere Raketen trafen einen türkischen Militärstützpunkt in Nordirak. Parallel dazu wurde der Militärflughafen der kurdischen Hauptstadt Erbil attackiert, wodurch amerikanische Soldaten verletzt und ein Iraker getötet wurde. Zu beiden Angriffen bekennen sich verschiedene schiitische Gruppierungen, die enge Kontakte zum Iran pflegen und bereits in der Vergangenheit Anschläge auf das US-Militär durchgeführt haben. Der neu gewählte amerikanische Präsident Joe Biden steht dabei vor seiner ersten Herausforderung im Irak.

Der Angriff auf eine nicht näher identifizierte türkische Militärbasis nahe Mossul in Nordirak fand am Sonntag unter dem Banner der Gruppierung „Ashab al-Kah“ statt, die sich kurz daraufhin dazu bekannten und auch ein Video des Angriffen veröffentlichten, welches aber nur den Start der Raketen zeigt. Bei dieser Aktion geht es aber weniger um die Operation an sich, sondern vor allem als Botschaft an die Türkei: Wenige Tage zuvor startete das türkische Militär eine neue Offensive gegen die PKK im Nordirak, eng damit verbunden war der Einmarsch und die Besetzung irakischen Territoriums. Die Volksmobilisierungseinheiten waren die Einzigen, die der PKK ihre Unterstützung anboten und selber bis zu 10.000 Kämpfer in die Region Sinjar verlegten, welche in der Vergangenheit ebenfalls mehrmals von der Türkei angegriffen wurde. Weiterhin ist unklar, ob diese Entscheidung mit der Unterstützung der neu konstituierten Regierung in Bagdad beschlossen wurde oder man autonom handelte, da die PMU offiziell eine Teileinheit der irakischen Streitkräfte darstellt, meistens aber unabhängig agiert und selbst die verschiedenen Milizen innerhalb der PMU verschiedene Interessen verfolgen. Ashab al-Kah selber trat erst vor über einem Jahr in Erscheinung und hat in der Vergangenheit bereits mehrmals US-Konvois oder die amerikanische Botschaft in Bagdad attackiert, ohne jedoch größeren Schaden verursacht zu haben.

Einen Tag später fand der Angriff auf den Flughafen von Erbil statt, der größten und wichtigsten Stadt im kurdischen Autonomiegebiets im Irak. Mehrere Raketen trafen dabei mehrere Areale auf dem Flughafen, die unter anderem vom amerikanischen Militär genutzt werden. Laut US-Angaben wurden 14 Raketen gefeuert, wovon vier derartige Areale trafen und dabei fünf amerikanischen Soldaten verletzten, während eine irakische Person, die vom US-Militär angestellt wurde, getötet wurde. Die Projektile sollen rund sieben bis zehn Kilometer vom Flughafen entfernt gestartet worden sein, mitten in einem Gebiet welches von Militärstützpunkten umgeben war. Zur Operation bekannte sich „Saraya Awliya al-Dam“, eine weitere schiitische Miliz welche in der Vergangenheit bereits Angriffe auf die US-Präsenz im Irak durchgeführt hat. Die gefundenen „Startrampen“ und Katjuscha-Raketen entsprechen auch dem Modus Operandi, die derartige Gruppierungen für Angriffe auf die USA nutzen. Al-Dam nimmt dabei eine zentrale Rolle ein, da sie angeblich als „Frontorganisation“ anderer schiitischer Milizen dient, beispielsweise der Kataib Hisbollah oder Asaib Ahl al-Haq, um relativ ungestört Operationen auf das US-Militär durchführen zu können, ohne selber mit den Folgen konfrontiert zu werden.

Dementsprechend unklar wird sich auch die Reaktion der USA gestalten, vor allem nachdem eine neue Administration das Ruder übernommen hat, welche bisher wenig militant und konfrontativ gegenüber derartigen Geschehnissen reagierte. Da bei dem Angriff kein US-Amerikaner verstorben ist könnte eine Vergeltung unter Joe Biden milde verlaufen, falls es überhaupt zu einer ernsthaften Reaktion kommt. Seitdem der frisch gewählte Premierminister Mustafa Al-Kadhimi an der Macht ist, agiert die Zentralregierung in Bagdad aggressiver gegenüber schiitischen Milizen mit iranischen Kontakten, jedoch nutzte al-Kadhimi ebendiese Organisationen zuletzt auch als Bollwerk und Warnung gegenüber der Türkei, welche nun seit Jahren die irakische Souveränität verletzen. Es bleibt also abzuwarten, welche Ergebnisse sich aus den neuesten Entwicklungen im Nordirak ergeben.

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