Wie Dschihadisten reingewaschen werden sollen

Seit Jahren versucht die größte und wichtigste islamistische Gruppierung innerhalb der syrischen Opposition, die sogenannte Organisation „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS), sich international und auf regionaler Ebene von ihrem Image als syrischer al-Qaida-Ableger loszulösen und stattdessen ein demokratischeres, pro-westlicheres Bild einzunehmen. Insbesondere in der vergangenen Woche fand diese Inszenierung einen neuen Höhepunkt, nachdem HTS-Anführer Abu Mohammad al-Julani in einem Fernsehinterview mit dem amerikanischen Sender PBS seine gewöhnliche Tracht ablegte und sich stattdessen erstmals in einem „westlichen“ Anzug zeigte, während er sich von islamistischen Überzeugungen distanzierte. Zudem kündigte er an, in den diesjährigen Präsidentschaftswahlen im Land anzutreten, auch wenn er die offizielle syrische Regierung nicht anerkennt. Bei einigen amerikanischen Think-Tanks stößt diese Selbstdarstellung auf Unterstützung und fordern die Aberkennung von Tahrir al-Sham als terroristische Organisation, nachdem vor einem Monat die „Islamische Turkestan-Partei“, eine chinesisch-uigurische Dschihadistenmiliz, von der gleichen Liste gestrichen wurde.

Es ist ein expliziter Wille von Tahrir al-Sham, sich als moderater zu präsentieren als man in Wirklichkeit ist in der Hoffnung, international so Anklang und zumindest partielle Unterstützung zu erhalten. Das begann bereits mit der offiziellen Loslösung von al-Qaida im Jahre 2016, welche aber im gegenseitigen Einvernehmen erfolgt ist und bis auf personelle Wechsel kaum zu ideologischen und strategischen Veränderungen geführt hat. Einzige Ausnahme: Statt eines betont internationalen Dschihads orientierte man sich eher am Vorbild der Taliban oder anderer syrischer Islamisten, die „lediglich“ einen Dschihad auf nationaler Ebene kommunizieren, auch wenn ihre Ziele womöglich woanders liegen. Diese Richtungsveränderung sorgte zumindest bei der Türkei auf Zustimmung, die Beziehungen zwischen den zwei Fraktionen intensivierten sich und führten letzten Endes dazu, dass türkische Truppen das Kontrollgebiet von Tahrir al-Sham betreten und somit einen „Schutzring“ um die letzte, noch von Oppositionellen gehaltene Provinz Idlib errichten konnten, der bis heute andauert.

Viele sehen im Verhältnis zwischen der Türkei und HTS bzw. al-Julani eine ähnliche Beziehung wie zwischen Russland und dem tschetschenischen Präsidenten Kadyrow oder der USA und dem ehemaligen somalischen Präsidenten Ahmed: Staatliche Unterstützung und weitgehende Autonomie im Tausch dafür, dass radikalere Kräfte in Schach gehalten werden. Zwar kann al-Julani auf erfolgreiche Kontakte in Richtung der Türkei und diverser Golfstaaten blicken, der bisherige Plan sich dem Westen anzunähern ging bisher aber nicht auf. Trotz Bemühungen verschiedener Think-Tanks wie dem „Middle East Institute“, al-Qaida und Tahrir al-Sham voneinander abzuheben, stuft die USA weiterhin HTS als terroristische Organisation ein, wie der arabischsprachige Twitter-Account des „Rewards for Justice Program“ des amerikanischen Außenministeriums vor wenigen Tagen erst wieder mitteilte. Stattdessen bekräftigte man die Haltung, dass trotz seines neuen modernen Auftretens ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar auf al-Julani ausgesetzt ist.

Dabei bezieht sich das amerikanische Außenministerium auf ein vor knapp einer Woche erfolgten Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender PBS, welches aber bisher noch nicht veröffentlicht wurde. Der Moderator Martin Smith ließ aber bereits durchblicken, dass er über Themen wie al-Qaida, 9/11, die USA oder Abu Bakr al-Baghdadi sprach und al-Julani dabei eine eher moderate/relativierende Position einnahm. Insbesondere gegenüber der USA versucht Tahrir al-Sham seit Jahren, zu beschwichtigen und die Unterstützung des transatlantischen Partners im Kampf gegen die syrische Regierung zu sichern. Ähnlich positioniert sich vor wenigen Tagen erst ein anderer amerikanischer Thinktank, die „Crisis Group“. In einem publizierten Kommentar ist davon die Rede, dass die USA Verhandlungen mit Tahrir al-Sham führen sollte, da sie sich „glaubwürdig von al-Qaida distanziert“ hätten. Präsident Biden soll demnach mit HTS kooperieren, um einen Angriff der syrischen Regierung auf Idlib zu verhindern und sich gemeinsam zur Stabilisierung der Bekämpfung anderer islamistischer Gruppierungen zu widmen, die in der Region ebenfalls aktiv sind.

Damit stimmen sie in einen Narrativ ein, den man in letzter Zeit immer öfters gehört hat, erst vor einem Monat wurde die sogar noch radikalere Islamische Turkestan-Partei von der Terrorliste entfernt, welche sich aus chinesischen Uiguren aus der Region Xinjiang rekrutieren und mehrmals für Terroranschläge in China und anderen Ländern verantwortlich waren. Vor einem Jahrzehnt bekämpfte die USA die Gruppierung noch aktiv, als sie in Afghanistan präsent waren. Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges konnten sie sich in Syrien etablieren und besitzen dort mehrere Rekrutierungslager für Kindersoldaten. Warum die amerikanische Regierung sich für diesen Schritt nun entschieden hat, bleibt ein Rätsel und könnte ein Ausblick auf den kommenden Umgang mit Tahrir al-Sham sein.

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