Kampf um Einfluss in Südsyrien

Selbst drei Jahre seit der vollständigen Eroberung der südsyrischen Provinzen Dara’a und Quneitra regt sich weiterhin Widerstand in jener Region, von der aus die „syrische Revolution“ vor zehn Jahren begonnen hatte. Die unter russischer Ägide ausgehandelten Kapitulationsbedingungen versprachen den Aufständischen weitgehende Autonomie und Waffenbesitz, was sich nun zu rächen scheint: Die syrische Armee startete eine Operation zur Eroberung dieser „rechtsfreien Enklaven“, von denen regelmäßig Guerillaangriffe, Überfälle oder Attentate ausgeführt werden. Nun stehen sich verschiedene Einheiten der syrischen Streitkräfte gegenüber, Loyalisten gegen ehemalige und rehabilitierte Rebellen, während Russland versucht zu verhandeln. Es ist nicht nur ein Kampf zwischen Regierung und Rebellen, sondern auch um den Einfluss Israels, Russlands und der syrischen Regierung im Süden Syriens.

Gestern wurde der bisherige Höhepunkt erreicht, als mehrere syrische Soldaten der 4. Division bei dem Versuch getötet wurden, die Stadt Tafas anzugreifen bzw. zu erobern. Die Division wurde erst vor etwa einer Woche in den Süden geschickt und gehört nach fast einem Jahrzehnt kriegerischer Auseinandersetzungen zu den effektivsten Einheiten der syrischen Armee. Die Zusammensetzung der Verteidiger von Tafas hingegen ist relativ unbekannt, höchst wahrscheinlich handelt es sich um lokale Ex-Rebellen, die im Zuge der von Russland geführten Kapitulationsverhandlungen vor drei Jahren ihre Waffen und weitgehende Autonomie behalten konnten. Nach dem ersten Angriff kommt es derzeit zu Gesprächen zwischen Armee, dem örtlichen Zentralkomitee und russischen Offizieren, die syrische Regierung fordert hierbei die vollständige Kapitulation der Stadt, welche in der Vergangenheit immer wieder Ausgangspunkt mehrerer Guerillaangriffe und Attentaten auf den Staatsapparat war. Als möglicher Kompromiss könnte der Ort unter der Kontrolle des 5. Korps gestellt werden, so wie es bereits bei der Stadt Karak der Fall war.

Das 5. Korps besteht in erster Linie aus ehemaligen Oppositionellen, die im Zuge des „Rehabilitierungsprogramms“ die Waffen niederlegten, sich der Armee anschlossen und dadurch eine Generalamnestie erhielten. Unter ihnen befinden sich weiterhin Sympathisanten der syrischen Revolution, die teilweise überliefen oder eben aufgrund ihres Hintergrundes als „neutrale Fraktion“ zu Verhandlungen geschickt werden. Das 5. Korps wurde dabei in erster Linie durch Russland aufgebaut und finanziert, einigen Gerüchten zufolge auch auf Druck Israels (welches nur wenige Kilometer von der Provinz Daraa entfernt liegt), um den Einfluss syrischer Loyalisten oder schiitischer Kämpfer aus dem Ausland an der syrisch-israelischen Grenze zu einzuschränken und diese Beeinflussung durch eine Russische, pro-israelische zu ersetzen.

Dara’a gilt als  der Geburtsort der „Revolution“ und versteht sich damit auch als Hochburg des Widerstandes gegen die syrische Regierung, während andere Landesteile fest unter Regierungskontrolle stehen und es dort fast nie zum erwähnenswerten Widerstand kommt. Der wohl primäre Grund des Aufstandes ist neben der regulären Unzufriedenheit aber in den Friedensverhandlungen zu finden, die nach der erfolgreichen Offensive der syrischen Armee durchgeführt wurden um weiteres Blutvergießen aus dieser für die Opposition aussichtslosen Situation zu vermeiden. Diese Operation spaltete das Territorium der Aufständischen in zwei Teile: Einen völlig umkreisten Ostteil rund um Dara’a und weiter westlich die Provinz Quneitra, die bisher nahezu unberührt von den Gefechten war und zumindest teilweise von Israel unterstützt wurden.

Während der Osten eine „reguläre Kapitulation“ akzeptieren musste (sprich: Generalamnestie für alle Kämpfer, Freiwillige können nach Idlib transportiert werden und die Regierung kehrt als Administrator zurück), sah es in Quneitra wesentlich besser für die Opposition aus: Auf Intervention Russlands konnte man einen sehr großzügigen Frieden schließen. Die Regierung wird zunächst nur rudimentär in die Region zurückkehren, Ex-Rebellen werden weiterhin die Verwaltung der Gebiete übernehmen und können sogar weiterhin ihre Waffen behalten. Ebenso wird die syrische Armee nicht zurückkehren, lediglich die russische Militärpolizei wird sporadisch Patrouillen fahren. Wie man heute weiß, war diese zugesprochene Autonomie verheerend für die gesamte Region.

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