Anschlag auf russische Militärbasis in Syrien

Der Norden Syriens ist derzeit wie seit langem nicht mehr von Spannungen zwischen den örtlichen kurdisch-arabischen Milizenbündnis der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) und türkischen Streitkräften und ihren islamistischen Verbündeten geprägt, die sich aber bisher auf tagelange Plänkeleien und einzelne Dörfer beschränken. Indirekt involviert darin sind auch Soldaten der russischen und syrischen Armee, welche unweit des Kriegsschauplatzes mehrere Militärbasen errichtet haben und Patrouillen fahren, nachdem die SDF die Schutzmacht der USA nach dem partiellen Truppenabzug verloren haben und dieses Machtvakuum nun von Russland ausgenutzt wird. Nun detonierte eine Autobombe in der Nähe eines russischen Stützpunktes, dazu bekannte sich ein Verbündeter der Türkei und Vertreter von al-Qaida, welcher zugleich erstmals einen Angriff im Territorium der SDF durchgeführt hat. Damit versucht die türkische Regierung erneut, durch islamistische Stellvertreter und Partner einen neuen Konfliktherd in Syrien zu starten.

Die Autobombe explodierte am Eingangstor der russischen Militärbasis in der Stadt Tel al-Saman, nördlich der Stadt Rakkah in der gleichnamigen Provinz und damit inmitten in den von der SDF gehaltenen Gebiete. Der zweite Fakt, der diesen Angriff außergewöhnlich und bemerkenswert werden lässt ist der Täter: Hurras al-Din bekannte sich kurz darauf zu der Autobombe, ohne jedoch nähere Details zu nennen. Hurras al-Din ist eine dschihadistische Gruppierung mit ihrem Sitz in der letzten, noch von Aufständischen kontrollierten Provinz Idlib, die von der Türkei mit tausenden Soldaten beschützt werden. Ursprünglich spaltete sich die Organisation von Tahrir al-Sham ab, der stärksten und dominantesten Miliz in Idlib, welche eng mit der Türkei zusammenarbeitet und beispielsweise die Militäroffensive auf die einst kurdische Region Afrin unterstützte. Hurras al-Din besteht größtenteils aus ehemaligen al-Qaida-Kadern, welche mit der Distanzierung Tahrir al-Shams von al-Qaida unzufrieden waren und sich dementsprechend dann abspalteten, auch weil sie eine Waffenruhe mit der syrischen Regierung ablehnen und eine Weiterführung des Dschihads auf internationaler Ebene befürworten.

Kurz nach der Detonation gab es auch Meldungen von Feuergefechten und Schüssen, jedoch sind keine näheren Details bekannt. Entgegen den lokalen Medien aber gab es durch den Vorfall keine verletzten oder getöteten Soldaten. Grund hierfür waren die effektiven Straßenblockaden und die wohl geringe Sprengkraft der Autobombe. Unklar ist, ob das Fahrzeug von einem Selbstmordattentäter gesteuert wurde und ob Hurras al-Din Unterstützung von örtlichen Schläferzellen des Islamischen Staates hatte, welche immer wieder in der Provinz Rakkah für Anschläge und Entführungen sorgen. Denn beide Fraktionen haben relativ gute Beziehungen zueinander, z.B. kam es gerade bei der Ermordung des ehemaligen IS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadis zu einem Treffen mit einer al-Din-Delegation. Zudem kämpften bereits mehrfach gegen die syrische Armee zusammen.

Während der Anschlag auf militärischer Ebene ein Misserfolg war, offenbart er doch einen Erfolg auf diplomatischer und strategischer Ebene: Hurras al-Din konnte sich effektiv in den ehemaligen Territorien des IS etablieren und damit einen Erfolg gegenüber Tahrir al-Sham vorweisen, welche eher einen Dschihad auf nationaler Ebene propagieren. Das hilft auch in der Idlib-Front, in der viele mit dem „pazifistischen Umgang“ (sprich: Keine Angriffe auf die syrische Armee) von Tahrir al-Sham unzufrieden sind. Die SDF sieht sich nun dem Risiko ausgesetzt, dass islamistische Organisation ihre Gebiete unterwandern und ihren Sicherheitsapparat damit effektiv schädigen können, was wiederum der Türkei und ihren syrischen Söldnern einen Vorteil verschafft. Russland hingegen wird dank dem Schutz des nördlichen Nachbarlandes nicht dazu fähig sein, Vergeltungsschläge in Idlib durchführen zu können, währen ihre Präsenz in Nordsyrien weiter gefährdet wird, insofern die SDF keine Anti-Terror-Maßnahmen durchführen wird.

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