Krieg trotz Waffenruhe

Eigentlich herrscht seit über einem Monat eine Waffenruhe zwischen Aserbaidschan und Armenien, nachdem der 44-tägige Krieg zwischen den zwei Nationen im Kampf um die separatistische, armenische Region Bergkarabach in einem Sieg für die Regierung in Baku endete. Tausende russische Soldaten sollen die Waffenruhe überwachen und zu einem mittelfristigen Frieden zwischen den Konfliktparteien sorgen, um ein erneutes Entfachen der Gewalt zu verhindern. Tatsächlich aber lässt sich feststellen, dass es weiterhin vereinzelt zu Gefechten zwischen aserbaidschanischen Spezialeinheiten und den lokalen armenischen Verteidigern kommt in der Hoffnung, den derzeit noch wirren Frontverlauf zu „korrigieren“ bzw. eigene Vorteile daraus zu generieren. In Folge dessen soll Aserbaidschan nicht nur mehrere Dörfer erobert haben, sondern auch Dutzende Soldaten gefangen genommen haben, die in künftigen Verhandlungen genutzt werden können. Noch ist kein Ende des Konfliktes um Bergkarabach in Sicht.

Besonders intensiv waren die Gefechte in den Dörfern Tagher und Khtsaberd, welche südlich der Stadt Schuscha liegen. Ihre Lage ist dahingehend bedeutend, da Schuscha durch diese zwei Orte nahezu umkreist ist, einzig ein schlammiger, hügeliger Pfad verbindet die Stadt mit dem restlichen Territorium Aserbaidschans. Die Eroberung wäre dementsprechend strategisch attraktiv. Hinzu kommt, dass mehrere veröffentlichte Videos beweisen, dass aserbaidschanische Spezialeinheiten, entsprechend der schneebedeckten Region ausgerüstet, Dutzende Soldaten festgenommen haben, möglicherweise sogar bis zu 100 Armenier. Zunächst hielt sich das armenische bzw. karabachische Militär bezüglich der Situation bedeckt, räumte aber später den Kontaktverlust von bis zu 60 Soldaten ein. Nach derzeitigem Stand sollen sich Tagher und Khtsaberd beide unter der Kontrolle Aserbaidschans befinden.

Wie unklar die derzeitige Situation in Bergkarabach ist, drückt sich auch in den veröffentlichten Mitteilungen des russischen Verteidigungsministeriums und der Einheiten vor Ort aus, die tägliche Situationsupdates publizieren. Auf der russischen Karte vom 13. Dezember ist zu sehen, wie die oben genannten Dörfer unter dem Einflussbereich der russischen „Friedenstruppen“ fallen, während die Karten davor und danach die Siedlungen wieder unter der Kontrolle Aserbaidschans zeigen. Ähnliche Unklarheit herrscht über die Stadt Schuschikend, welche unweit von Schuscha liegt und aufgrund ihrer Lage auf einem Plateau über der Hauptstadt Stepanarkert von strategischem Interesse ist. Hinzu kommt, dass an der nun im Süden neu entstandenen armenisch-aserbaidschanischen Grenze Guerillakämpfer aktiv sein sollen, die aserbaidschanische Soldaten in der Region von Zengilan angreifen. Insgesamt lässt sich also feststellen, dass solange noch unklare Grenzverläufe existieren, beide Seiten sich um einen Vorteil in den kommenden Verhandlungen erhoffen.

Denn bisher gestalten sich diese Gespräche als sehr schwierig und mühselig. Bisher kam es erfolgreich zum ersten Austausch von Gefangenen, wobei Aserbaidschan aufgrund diverser Vorteile (Sieger des Krieges und hat viel mehr gefangen genommene Soldaten des Gegners) harte Bedingungen dafür aufstellt. So mussten beispielsweise als Vorabbedingung zwei Aserbaidschaner aus dem Gefängnis entlassen werden, welche 2014 die Grenze nach Bergkarabach überquerten und dort mehrere Armenier umbrachten. Zukünftige Gefangenenaustausche könnten ähnlichen Szenarien folgen, erst recht, wenn Aserbaidschan weiterhin in Bergkarabach trotz einer Waffenruhe Fakten schafft und nicht nur mehr Armenier festnehmen, sondern auch neue Gebiete erobern kann.

Die für über einem Monat andauernde Militäroffensive Aserbaidschans konnte nach anfänglichen Problemen erhebliche Geländegewinne erzielen, welche jedoch ohne einen Faktor unmöglich gewesen wäre: Die Türkei. Nicht nur beliefert die Türkei (zusammen mit Israel) Aserbaidschan mit modernster Waffentechnik wie die wohl kriegsentscheidenen Angriffs- und Aufklärungsdrohnen, welche einigen Meldungen zufolge vom türkischen Militär selber operiert werden, das aserbaidschanische „Bruderland“ setzt zugleich auch Tausende syrische Söldner bzw. Islamisten an den Frontlinien ein. Hinzu kommt, dass hunderte türkische Soldaten in Aserbaidschan präsent sind, Warnsysteme aufstellten und mehrere türkische Kampfjets ebenfalls im Land aktiv sind. Den Krieg des 20. Jahrhunderts, den Armenien führte, war letzten Endes wehrlos gegenüber der modernen Drohnentechnik des 21. Jahrhunderts.

Karte des russischen Verteidigungsministerium zeigt die militärische Situation bzw. die Präsenz der russischen Truppen in Bergkarabach (grün)

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