Russische Armee zieht sich angeblich aus Teilen Nordsyriens zurück

Neue Gerüchte verstärken die derzeit bestehenden Berichte, dass die Türkei in Syrien eine neue antikurdische Militäroffensive starten könnte: Einige Aktivisten vermelden den Rückzug russischer Soldaten aus der Region um Ain Issa, einer syrisch-türkischen Grenzstadt im Nordosten Syriens. Dort kam es in den vergangenen Wochen vermehrt zu immer schwerer werdenden Gefechten zwischen dem arabisch-kurdischen Gruppenbündnis der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) und pro-türkischen, offiziell als die „Syrische Nationalarmee“ (SNA) bekannte, Kräften, die die Befürchtung einer türkischen Operation näherte, vor allem im Hintergrund der internationalen Ablenkung für die Covid-Pandemie und des amerikanischen Machtwechsels. Sollte sich der Abzug der russischen Streitkräfte aus Teilen Nordsyriens bewahrheiten, wäre das ein starker Indikator für die derzeit bestehenden Befürchtungen und daraus resultierenden Folgen: Neuer Krieg in einer ansonsten friedlichen Region, Zerstörung, Massenflucht und die ethnische und demographische Vertreibung von Kurden und anderen Minderheiten unter der Führung islamistischer Kräfte.

Die ersten Berichte vom Abzug russischer Kräfte aus Ain Issa tauchten am Dienstag auf, wobei es bisher an tatsächlichen Beweisen dafür fehlt. Zudem sind in der Region auch weiterhin Soldaten der syrischen Armee präsent, welche zwar einen türkischen Angriff nicht aufhalten, eine Offensive auf sie aber diplomatische und militärische Folgen nach sich ziehen würde. Die SDF selber widersprach derartigen Angaben und sagte hingegen, dass alle russische Einheiten weiterhin in ihren Positionen rundum Ain Issa stehen. Parallel dazu startete die SNA mit türkischer Unterstützung einen neuen Plänkelangriff auf die SDF-Stadt Manbij, welche nach wenigen Stunden abgewehrt werden konnte, auch wenn beide Seiten Verluste erlitten haben sollen.

Dass die Türkei offenbar derart kurzfristig eine neue Militäroperation plant, ist wenig überraschend. Hintergrund dafür ist wohl die Abwahl des (noch amtierenden) US-Präsidenten Trumps, welcher nur wenig Interesse für amerikanische Vorhaben in Syrien zeigte und unter seiner Ägide einen Großteil der amerikanischen Truppen aus dem Norden des Landes zurückgezogen wurde, was der türkischen Regierung Tür und Tor für Anti-SDF-Offensiven öffnete. Unter Joe Biden könnte sich diese Apathie nun ändern, welcher symbolisch für die Rückkehr der alten US-Außenpolitik steht. Zudem ist relativ bekannt, dass Biden besonders der Türkei bzw. Erdogan kritisch gegenüber steht. Dieses derzeit bestehende Machtvakuum der ausländischen Mächte ist also für die Türkei die derzeit beste und womöglich auch letzte Chance sein, neue Tatsachen in Syrien und gegenüber der Demokratischen Syrischen Kräfte zu schaffen.

Die Folgen einer solchen Operation wären offensichtlich, wie die Vergangenheit bereits in Afrin oder Tel Abyad gezeigt hat. Die christliche Minderheit, welche sowohl in Ain Issa als auch Tel Tamr vergleichsweise stark vertreten ist, fürchtet die Herrschaft der Türkei bzw. ihrer syrischen Stellvertreter. Daran schuld ist vor allem das Verhalten der Islamisten: Die „Syrische Nationalarmee“ ist ein türkischer Versuch, die verschiedenen islamistischen Milizen unter der eigenen Schirmherrschaft in Afrin und Nord-Aleppo zu vereinen, faktisch jedoch existiert keine gemeinsame Struktur und Organisation. Stattdessen kommt es immer wieder zu Plänkeleien um Macht und Einfluss zwischen den verschiedenen Gruppierungen, die oft auf den Rücken der Bevölkerung ausgetragen werden.

Bereits heute wiederholte sich das Afrin-Szenario in Nordsyrien: Massenvertreibung Zehntausender Kurden, Christen und anderer Minderheiten, Zunahme von ethnischen Konflikten zwischen Arabern und Kurden durch die aufgezwungene Deportation syrischer Flüchtlinge in den traditionell kurdischen Gebieten, die Zerstörung von kurdischen und religiösen Kulturgütern wie z.B. Friedhöfe oder Schreine oder die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen. in Tel Abyad wurden beispielsweise mehrere Familienmitglieder entführt, damit man von den Verwandten Lösegeld fordern kann, ein Großteil der ehemals kurdischen Läden und Häuser wurden von Islamisten konfisziert und zum eigenem Wohnsitz umfunktioniert. Derweil schickt die Türkei die ersten Flüchtlinge aus anderen Teilen des Landes nach Tel Abyad, um einen forcierten demographischen Wandel durchzuführen.

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