Studie enttarnt Tausende Kindersoldaten in syrischer Opposition

Vor wenigen Tagen veröffentlichte ein der türkischen AKP nahe stehender Think-Tank eine Studie, welche sich mit der pro-türkischen Opposition bzw. der sogenannten „Syrischen Nationalarmee“ (SNA) beschäftigten sollte, vor allem über den Hintergrund und die Beweggründe ihrer Mitglieder, welche oftmals (nicht grundlos) als Marionetten und islamistische Bittsteller türkischer Interessen dargestellt werden. Eigentlich war es der Versuch, diese Organisation wieder positiv zu besetzen, jedoch entlarvten die Statistiken unbeabsichtigt Eines: Fast 4% oder 3.200 Kämpfer der SNA traten im minderjährigen Alter der „Armee“ bei. Diese Erkenntnis führte nicht nur zur schnellen Löschung der Studie, sondern enttarnt auch den versuchten Narrativ der Türkei.

Veröffentlicht wurde die Studie von der „Stiftung für politische, wirtschaftliche und soziale Forschung“ (SETA), welche notorisch dafür bekannt ist, der AKP und türkischen Regierung nahe zu stehen und ihren Sitz in Ankara hat. Hauptsächlich ging es um die persönlichen Ansichten, Positionen, Hoffnungen und den eigenen ethnischen und demographischen Hintergrund der jeweils Befragten. So wurde beispielsweise nach dem Alter der Kämpfer gefragt, wobei die gegebenen Alterskategorien von 18 bis 56+ Jahren reichten, insgesamt aber nicht 100% ausmachten. Stattdessen fehlen 46 Personen der befragten 1463 Leute, oder anders formuliert: 3,2%. Aufgerechnet auf die ungefähre Mitgliederanzahl von 90.000 Kämpfern, wären das um die 3.000 Anhänger, die zum Zeitpunkt ihres Beitrittes von 2017 minderjährig waren.

Dabei handelt es sich aber nicht um die einzige Ungereimtheit, z.B. kämpfen 25% der SNA-Soldaten länger als neun Jahre, also bereits vor dem Beginn des syrischen Bürgerkrieges. Zudem wird der Anspruch der SNA, eine legitime Vertreterin des syrischen Volkes zu sein, bereits durch die ethnische Verteilung zunichte gemacht. Weniger als 1,5% der Mitglieder sind Kurden, 10% Turkmenen und der Rest Araber, andere Minderheiten sind quasi nicht existent. Ebenso interessant ist die Umfrage bezüglich der Beweggründe für den Beitritt in die Nationalarmee. Demnach sind 80 bis 90% deswegen aktiv, weil sie die Revolution stützen oder ihr Heimatland verteidigen wollen. Monetäre Gründe hingegen sind kaum relevant, obwohl zeitweise bis zu einem Drittel der SNA im Ausland als Söldner aktiv waren und ihr Verhalten allgemein mit dem Geldinteresse begründet werden kann.

Da erkennt man bereits, welche Intention hinter dieser Studie einer türkischen Denkfabrik steckt, obwohl man sich letzten Endes nur selbst enttarnte. Der Narrativ lautet: Die Syrische Nationalarmee besteht aus ideologisch gefestigten Freiheitskämpfern, die ihre Heimat befreien und verteidigen wollen und dabei die Türkei als wichtigen Partner in dieser Befreiung ansehen, wobei man die Präsenz jedes anderen Landes in Syrien ablehnt. Diese von oben diktierte Haltung widersprecht aber in völliger Weise der Realität, die SNA wird von der Türkei aktiv als Stellvertreterfraktion in Syrien und als billiger Rekrutierungspool für Söldner genutzt, welche dann in anderen Ländern für türkische Interessen eingesetzt werden können. Ob die syrischen Kämpfer tatsächlich diese Haltung haben, ist aufgrund der Offenheit dieses Systems fragwürdig.

Die Syrische Nationalarmee ist ein wichtiges, von der Türkei erschaffenes Milizenbündnis. Mithilfe jahrelangen Trainings, Waffenlieferungen und direkter Unterstützung halfen sie dabei, die Region von al-Bab vom Islamischen Staat und die Gebiete um Afrin und Tel Abyad von den Kurden zu erobern und zu ihrem eigenen Kernterritorium auszubauen. In diesen Gebieten können sie relativ frei regieren, insofern sie nicht den Herrschaftsanspruch der Türkei kritisieren. Die Kontrolle der SNA drückt sich in ausufernder Korruption, Anomie und ständigen Entführungen aus, welche dann von den Milizen wenig später für ein Lösegeld wieder befreit werden. Aufgrund dessen flohen Hunderttausende der ursprünglichen Einwohner aus der Region, während die Türkei sie durch syrische Flüchtlinge aus der Türkei ersetzt und damit einen demographischen Wandel hinweg einer kurdischen Mehrheit in der Grenzregion vorantreibt. Viele Kämpfer fanden eine Berufsalternative als Söldner, welche von der Türkei in anderen Konfliktherden wie Libyen oder Bergkarabach eingesetzt werden.

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