Das neue Kapitel für Bergkarabach

Der Krieg ist aus, aber nicht der Konflikt. Während sich russische Truppen entlang der neu entstehenden Grenzen positionieren und als Friedenskraft auftreten, kommt es zum Massenexodus der armenischen Bevölkerung jenem Gebiet, welches einst Bergkarabach hieß und nun zur Hälfte von Aserbaidschan besetzt wird. Diese Eroberungen offenbaren innerhalb weniger Wochen bereits ihre Gesinnung: Ethnische und kulturelle Säuberungen prägen derzeit Bergkarabach und Armenier, die nicht im Zuge des militärischen Konfliktes flohen, werden brutal vertrieben und ihre Kulturschätze und Heimat brutal zerstört. Dadurch angefacht wächst die armenische Wut auf Vergeltung und der endlose Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan findet an neuer Nahrung, während die Hoffnung auf einen länger währenden Frieden weit entfernt scheint.

Derzeit nehmen die russischen Truppen Stellung entlang den neu entstehenden Grenzen ein und errichten dort Kontrollpunkte oder vorgeschobene Basen. Ihr Hauptquartier in der Hauptstadt Bergkarabachs, Stepanarkert, soll alleine hunderte Soldaten und Personal zählen, insgesamt sollen bis zu 2000 russische Soldaten die Grenze bewachen. Besonders schwer befestigt ist dabei der Lachin-Korridor, welcher als einzige Verbindungsstraße Armenien mit Bergkarabach miteinander verbindet und in den neuen Verträgen nur fünf Kilometer breit ist. Bereits vor der Ankündigung eines Friedensvertrages waren russische Einheiten auf dem Weg nach Armenien, was auf längere Hinterzimmer-Verhandlungen mit russischer Unterstützung hindeutet.

Russland gilt damit auch zu den größten Nutznießern des Konfliktes, welche ihren schwindenden Einfluss in Armenien wiederherstellen konnten. In Folge des demokratischen und friedlichen Revolution von 2018 wurden die von Russland unterstützten Militärcliquen aus Armenien vertrieben und durch den amtieren, demokratisch gewählten Premierminister ersetzt. Dieser soll auf persönlichen Ebene erhebliche Konflikte mit Vladimir Putin gehabt haben, die letztendlich auch in der Zurückhaltung des Landes resultiert haben soll. Ein weiterer Gewinner ist die Türkei, die ihren Einfluss im Südkaukasus wesentlich ausbauen, ihre Waffentechnologie beweisen und eine Landverbindung zwischen der Türkei und dem „Brudervolk“ von Aserbaidschan errichten können. Als dritter Gewinner geht die Aliyev-Familie hervor, die Aserbaidschan wahrscheinlich weitere Jahrzehnte kontrollieren kann.

Zu den größten Verlierern zählt selbstverständlich Armenien, welche nicht nur eine Niederlage erleiden mussten, sondern auch zunehmend umkreist werden und jetzt sogar einen Teil ihrer Souveränität aufgeben mussten, da Aserbaidschan jetzt der Grenzverkehr zwischen aserbaidschanischen Festland und der Exklave Nakhichavan erlaubt wurde, die Landverbindung dafür verläuft jetzt durch Südarmenien. Ein weiterer Verlierer ist der Iran, in dem Land leben mehr ethnische Aserbaidschaner als im gleichnamigen Land selbst, welche sich durch den Sieg zumindest in Teilen in ihren separatistischen Gedanken bestärkt fühlen. Außerdem verliert die iranische Regierung ein Druckmittel an Aserbaidschan, da die oben erwähnte Exklave zuvor über den Iran verbunden war.

Besonders für die armenische Bevölkerung in Bergkarabach bedeutet der aserbaidschanische Sieg nicht nur eine militärische Niederlage, sondern auch der Verlust ihrer gesamten Existenz. Die wenigen Armenier, die nicht bereits vor den Kämpfen flohen, müssen letztendlich ihrer Heimat doch den Rücken kehren vor der Gefahr ethnischer Säuberungen und Vertreibungen durch die aserbaidschanische Diktatur. Viele von ihnen nehmen ihr gesamtes Hab und Gut mit, neben dem gesamten Möbelbestand wird sogar von Fenstern nicht Halt gemacht. Einige brennen sogar ihre Häuser daraufhin nieder, damit sie von Aserbaidschanern nicht bewohnt werden können. Diese Befürchtung hat sich sogar relativ schnell bewahrheitet, wie diverse Videos zeigen.

Darin ist zu sehen, wie aserbaidschanische Soldaten eine verlassene Wohnung demolieren, Hochzeitvideos der ursprünglichen Einwohner anschauen und dazu tanzen. Woanders geht Aserbaidschan bereits erbittert gegen armenische Kulturschätze und Überbleibsel hervor, zerstört neben den entsprechenden Schildern mit armenischen Texten auch etliche Kulturstätten wie Statuen, Denkmäler oder Skulpturen. Die Methodik dahinter: Die Zerstörung armenischer Kulturräume negiert auch die Legitimation der Armenier, Ansprüche auf diese Region zu haben. Diese Eliminierung des Armenischen wird in den kommenden Wochen noch größere Ausmaße annehmen, wenn weite Gebiete Aserbaidschan übergeben werden.

Karte des russischen Verteidigungsministerium zeigt das verbleibende Territorium Bergkarabachs (rötlich)

Die für über einem Monat andauernde Militäroffensive Aserbaidschans konnte nach anfänglichen Problemen erhebliche Geländegewinne erzielen, welche jedoch ohne einen Faktor unmöglich gewesen wäre: Die Türkei. Nicht nur beliefert die Türkei (zusammen mit Israel) Aserbaidschan mit modernster Waffentechnik wie die wohl kriegsentscheidenen Angriffs- und Aufklärungsdrohnen, welche einigen Meldungen zufolge vom türkischen Militär selber operiert werden, das aserbaidschanische „Bruderland“ setzt zugleich auch Tausende syrische Söldner bzw. Islamisten an den Frontlinien ein. Hinzu kommt, dass hunderte türkische Soldaten in Aserbaidschan präsent sind, Warnsysteme aufstellten und mehrere türkische Kampfjets ebenfalls im Land aktiv sind. Den Krieg des 20. Jahrhunderts, den Armenien führte, war letzten Endes wehrlos gegenüber der modernen Drohnentechnik des 21. Jahrhunderts.

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