Armenien verkündet „Kapitulation“ im Karabachkrieg

Mit wenig Pomp war es dann vorbei: Der armenische Premierminister Nikol Pashinyan verkündete in einer offiziellen Verlautbarung über Facebook, dass er Vertrag mit Russland und Aserbaidschan eingegangen ist, der das Ende des Krieges zwischen Aserbaidschan und Armenien bzw. der autonomen Region Bergkarabach einläutet. Faktisch bedeutet dieser Vertrag: Armenien erklärt sich zu Kapitulationsverhandlungen bereit, die in dem Verlust der armenischen Region Bergkarabach resultieren. Die ethnischen Säuberungen und Vertreibungen zwischen den zwei Völkern gehen damit in eine neue Phase, Aserbaidschan kann dank der massiven Unterstützung an ihrer Westflanke expandieren, während Armenien zunehmend in der Region isoliert wird. Die Kriegsniederlage lastet schwer auf den Schultern der jungen Demokratie, in der nun radikalere und nationalistischere Elemente nach der Macht greifen können.

In dem Statement von Pashinyan gestand er ein, dass er diese Verhandlungen schweren Herzens aufnehmen musste, da die militärische Situation ihm keine andere Wahl ließ. Der Verteidigungsminister spezifizierte später, dass man Bergkarabach ohnehin innerhalb weniger Tage verloren hätte und damit das Leben tausender Soldaten und Menschen retten wollte. Die genaueren Details dieses Abkommens sind bisher unbekannt, jedoch zirkuliert ein längeres Dokument welches folgende Eckpunkte beinhaltet: Eine Waffenruhe entlang der derzeit bestehenden Frontlinien, die Regionen von Gazakh und Agdam werden an Aserbaidschan bis zum 20. November übergeben und die abgezogenen armenischen Streitkräfte werden durch ein 2.000 Soldaten zählendes Kontingent der russischen Armee ersetzt, die mindestens fünf Jahre lang die Waffenruhe sichern und den Frieden in der Region wahren sollen. Viele russische Soldaten beziehen in dem Moment Stellung in Bergkarabach, was auf längere Verhandlungen diesbezüglich hindeutet. Wenige Wochen später kommen dann noch die Gebiete Kelbajar und Lachin hinzu, letzten Endes verbleibt aus Bergkarabach nur noch ein kleiner isolierter Rumpfstaat.

Blau zeigt, welche Areale zukünftig Bergkarabach darstellen werden, während die restlichen Farben militärisch oder diplomatisch von Aserbaidschan eroberte Territorien zeigen.

Insgesamt erinnert dieser Plan an die bestehenden UN-Resolutionen, die die Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan definieren. Unklar ist jedoch, was mit Bergkarabach selber passieren soll. Wie auf diversen Karten zu sehen ist, ist die mehrheitlich armenische Region vom Kernterritorium Armeniens abgeschnitten, eine seit Jahrzehnten bestehende Problematik. Die Verbindung soll durch einen fünf Kilometer breiten Korridor bei Lachin erschaffen werden, im Gegenzug ermöglicht Armenien den Transit zwischen aserbaidschanischen Kernterritorium und der Exklave Nekhichavan südlich von Armenien. Zudem verbleibt etwa 50% Bergkarabachs unter der Kontrolle Aserbaidschans, welches sie im Zuge der neuesten Militäroffensive erobert hatten. Damit verbleibt von Bergkarabach nur noch die Hauptstadt Stepanarkert.

Die seit über einem Monat andauernde Militäroffensive Aserbaidschans konnte nach anfänglichen Problemen erhebliche Geländegewinne erzielen, welche jedoch ohne einen Faktor unmöglich gewesen wäre: Die Türkei. Nicht nur beliefert die Türkei (zusammen mit Israel) Aserbaidschan mit modernster Waffentechnik wie die wohl kriegsentscheidenen Angriffs- und Aufklärungsdrohnen, welche einigen Meldungen zufolge vom türkischen Militär selber operiert werden, das aserbaidschanische „Bruderland“ setzt zugleich auch Tausende syrische Söldner bzw. Islamisten an den Frontlinien ein. Hinzu kommt, dass hunderte türkische Soldaten in Aserbaidschan präsent sind, Warnsysteme aufstellten und mehrere türkische Kampfjets ebenfalls im Land aktiv sind. Den Krieg des 20. Jahrhunderts, den Armenien führte, war letzten Endes wehrlos gegenüber der modernen Drohnentechnik des 21. Jahrhunderts.

Insbesondere für den armenischen Premier Nikol Pashinyan bedeutet es aber eine herbe Niederlage. Der in Folge der vor zwei Jahren friedlichen Revolution gewählte Staatschef genoss in der gesamten Bevölkerung enorme Beliebtheit und konnte mit seiner Partei eine absolute Mehrheit im Parlament stellen. Der unzufriedene Kriegsverlauf führte jedoch schnell dazu, dass immer öfters Stimmen auftauchten, die seinen Abtritt forderten. Erst einen Tag früher veröffentlichten 17 Parteien ein Positionspapier, von denen einige im Parlament vertreten sind, die exakt dies forderten. Das Eingeständnis der Niederlage wird wahrscheinlich das Ende seiner politischen Karriere einläuten und damit nationalistischere Elemente innerhalb der Gesellschaft zum Aufstieg verhelfen. Einigen Gerüchten zufolge verhinderte Vladimir Putin eine größere Unterstützung für Armenien, da er eine persönliche Abneigung gegenüber ihm hatte und er aufgrund der Demokratisierung einen verhältnismäßig pro-westlicheren Kurs gefahren ist. Diese Chance könnte Russland nun nutzen, eigene Interessen wie die damalige Militärjunta wieder in eine Machtposition zu verhelfen.

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