Die Schlacht um die wichtigste Stadt Bergkarabachs

In diesem Moment kommt zum jenem Gefecht, welches von vielen Seiten als die „kriegsentscheidende“ Schlacht angesehen wird. Die prestigeträchtige, symbolisch und historisch wichtige Festungsstadt Schuschi liegt nur wenige Kilometer von der Haupstadt Stepanarkert entfernt, zugleich liegt sie an der einzigen Straße, die Bergkarabach und Armenien miteinander verbindet. Während die aserbaidschanische Regierung bereits behauptet, den Ort unter ihrer Kontrolle zu haben, kommt es an den südlichen Stadttoren zu schweren Gefechten, die armenischen Verteidiger konnten in den letzten Tagen mehrere Angriffe erfolgreich abwehren und vorrückende Soldaten eliminieren. Schuschi könnte in den kommenden Tagen das entscheidende Zünglein an der Waage werden.

Die Stadt Schuschi, nur weniger Kilometer von der Hauptstadt Bergkarabachs entfernt, ist Dreh- und Angelpunkt des derzeitigen Geschehens in der Region. Die Stadt ist für Armenien und Aserbaidschan ein integraler Bestandteil der eigenen Kultur und Entstehungsgeschichte, zuletzt schwer umkämpft im letzten großen Krieg vor drei Jahrzehnten und Schauplatz brutaler Pogrome vor 100 Jahren, als der Zusammenbruch des russischen Zarenreiches auch im Kaukasus zu Chaos und Grenzveränderungen führte. Bei dem Ort handelt es sich um eine ehemalige Festung, die strategisch gelegen auf einem Plateau liegt und die gesamte Umgebung überblickt. Hinzu kommt, dass Schuschi direkt an der „Straße des Lebens“ liegt, der einzige Versorgungsweg zwischen Armenien und Bergkarabach.

Die Siedlung zählt aufgrund ihrer Lage und des Terrains als „uneinnehmbare Stadt“, obwohl sie in der Geschichte bereits mehrmals den Besitzer wechselte. Ihr Verluste würde äußerst demoralisierend wirken, vor allem da die Ortschaft als „kriegsentscheidend“ angesehen wird, vor fast 30 Jahren musste Aserbaidschan hier eine vernichtende Niederlage im letzten großen Krieg um Bergkarabach einstecken. Historisch ist die Stadt nicht nur als Geburtsort vieler Komponisten und Schriftsteller bekannt, sondern auch für ein Pogrom an den armenischen Einwohnern aus dem Jahre 1920 bekannt, wodurch über 2000 Armenier getötet wurden, einige Schätzungen reichen sogar bis zur 20.000er-Marke.

Der Kampf um Schuschi ist allgemein recht undurchsichtig. Klar ist, dass an den Toren der Stadt seit Tagen schwere Gefechte andauern, ohne dass irgendeine Seite entscheidende Erfolge verzeichnen kann. Die armenischen Verteidiger konnten bisher sämtliche Vorstöße abwehren und den aserbaidschanischen Kräften durchaus Verluste zufügen, tagtäglich tauchen Videos und Bilder von getöteten Soldaten, zerstörten Fahrzeugen oder verlassenen Militärkonvois auf, die beim Rückzug der aserbaidschanischen Truppen zurückgelassen wurden. Das bewölkte und nebelige Wetter derzeit kommt Armenien sehr zugute, da die effektivste Waffe der Aserbaidschaner, die türkischen und israelischen Angriffsdrohnen, dadurch unwirksam gemacht werden und Bergkarabach dadurch relativ ungestört schwere Panzer und Truppentransporter einsetzen kann. Diese Situation verschärft sich mit zunehmender Zeit auch weiter, da der Winter naht.

Dennoch ist klar, dass aserbaidschanische Truppen sich weiterhin um den Ort positioniert haben und es im Süden weiterhin zu sehr schweren Gefechten kommt. Offiziell behauptet Aserbaidschan, den Ort bereits zu kontrollieren. Die Vergangenheit wie im Falle von Qubadly oder Hadrut hat aber bewiesen, dass diese Ankündigungen eher einer „Absichtserklärung“ gleichen, anstatt die Tatsachen wiederzuspiegeln und es noch tagelang zu Gefechten um Schuschi kommen kann. Nichtsdestotrotz besteht das sehr hohe Risiko, dass die antike Festung bald fallen könnte. Deswegen fliehen derzeit auch Tausende Armenier aus den umliegenden Gebieten.

Fernab von Schuschi gibt es ebenso Kämpfe zu vermelden, wenn auch in niedrigerer Intensität. Aserbaidschan vermeldet zuletzt, mehrere Dörfer in den Distrikten von Fizuli und Khojavend erobert zu haben, wobei man größtenteils davon ausgegangen ist, dass diese Orte bereits unter der Kontrolle Aserbaidschans standen. Einigen unbestätigten Berichten zufolge konnten armenische Truppen dafür im Umkreis der Stadt Hadrut vorrücken und z.B. den größten Berg der Region, der 2478 Meter zählende Dizapayt wiedererobern. Auch in einem Tal in Richtung Lachin konnten sie erfolgreich einen Militärkonvoi überfallen, wodurch ein Kampfpanzer, mehrere Trucks und fünf Militärfahrzeuge, darunter Truppentransporter und Schützenpanzer, beschädigt oder gesichert werden konnten.

Obwohl der Konflikt bei weitem nicht beendet ist, gibt es bereits die ersten Absprachen zwischen diversen Unternehmen und der aserbaidschanischen Regierung. So ließ sich die aserbaidschanische Bergbaufirma „Anglo Asian Mining“ bereits die ersten Schürfrechte in Bergkarabach sichern, sogar in Gebieten, die noch nicht unter der Kontrolle von Baku stehen. Die dabei versprochenen Lizenzen beschränken sich auf den Goldabbau in mehreren Bergwerken und Minen im Zangilan-Distrikt. Die Firma kann bei diesem Unternehmen auf eine internationale Unterstützung zählen, beispielsweise handelt es sich bei dem zweitgrößten Anteilseigner um den Amerikaner John Sununu, welcher ehemaliger Gouverneur von New Hampshire und US-Senator war und zum engeren Bekanntenkreis des ehemaligen Präsidenten Georges W. Bush gehört.

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