Aserbaidschanische Offensive muss Verluste erleiden

Der militärische Konflikt zwischen den Kräften Armeniens und Aserbaidschans um die autonome Region Bergkarabach scheint in eine neue Phase überzugehen: Von den einstigen Blitzerfolgen der aserbaidschanischen Militäroffensive im Süden Bergkarabachs verbleibt nur noch wenig, statt der ersten Initiative sind die Gefechte vom mühseligen Kampf um Wälder und Gebirgsketten geprägt, die den armenischen Verteidiger begünstigen. Diese konnten bisherigen Meldungen zufolge mehrere Kampfverbände erfolgreich eliminieren und ihre Position verstärken, vor allem im Vergleich zur Situation von vor einem Monat. Jedoch bleibt abzusehen, ob es sich um einen temporären Zustand handelt oder Aserbaidschan militärisch oder politisch trotz der Unterstützung der Türkei nicht mehr dazu fähig ist, die brutale Offensive um Bergkarabach fortzuführen.

Für Verwirrung sorgen die gegenseitigen Behauptungen, einen SU-25-Kampfjet des jeweiligen Feindes abgeschossen zu haben. Demnach fand der Vorfall am Montag über den Süden Bergkarabachs statt, zugleich behaupten aber auch beide Länder, keine Kampfflugzeuge verloren zu haben. Interessanterweise wurde die Meldung von Seiten Aserbaidschans zuerst vom türkischen Verteidigungsministerium verlautbart, was die armenischen Vorwürfe bestärkt, dass die aserbaidschanische Luftwaffe und Luftabwehr größtenteils von der Türkei operiert wird. Bereits in den ersten Tagen des Konfliktes stürzte ein armenischer Jet ab, welcher eigenen Angaben zufolge vom türkischen Militär abgeschossen wurde. Bisher fehlen aber Beweise für diese These.

Anders sieht die Situation in anderen Bereichen aus. Erneut sind Videos aufgetaucht, die diverse Kriegsverbrechen aserbaidschanischer Soldaten in Bergkarabach zeigen. Darin ist zu sehen, wie sie getöteten Armeniern die Ohren abschneiden. Diese „Tradition“ hat ihren Ursprung im aserbaidschanischen Bruderland Türkei, wo türkische Soldaten seit Jahrzehnten die Ohren getöteter PKK-Kämpfer abschneiden um sie dann als Trophäe zu haben oder aus ihnen eine Art Halskette zu machen. In den gleichen Videos ist zudem noch zu sehen, wie verletzte armenische Soldaten getreten oder mit Spießen erdolcht werden.

Erstes Drohnenvideo von armenischer Seite seit Juli. Die genutzten Kamera deutet darauf hin, dass es sich um russische Technologie handelt.

Weitere Kriegsverbrechen sind der nicht unterlassene Beschuss von Städten mit international geächteter Streumunition und allgemein Angriffe auf zivile Ziele, welche von beiden Seiten begangen werden, wobei Aserbaidschan früher und intensiver derartige Aktionen vollführt. Zuletzt wurde das Dorf Davit Bek von aserbaidschanischer Artillerie angegriffen, welches außerhalb von Bergkarabach bzw. in Armenien liegt, wodurch mehrere Zivilisten gestorben sind. Auf einem Video ist zu sehen, wie ein Autofahrer von einem Artilleriegeschoss getroffen und umgehend dadurch getötet wurde.

Ein Kontrast zum Umgang armenischer Streitkräfte mit Leichen oder Gefangenen, wo es bisher keine ernsthaften Kriegsverbrechen zu vermelden gibt. In den letzten Tagen konnte Armenien insgesamt drei syrische Söldner gefangen nehmen, womit die Präsenz syrischer Islamisten im Konflikt um Bergkarabach zu 100% bestätigt ist. In Verhörungen bestätigten sie die bereits bestehende Faktenlage, dass sie von der Türkei in Nordsyrien und der Provinz Idlib rekrutiert wurden und im Gegenzug bis zu 2000 Dollar erhalten, was für syrische Verhältnisse eine riesige Summe ist. Außerdem sollen sie für jede getötete Person einen Bonus von 100 Dollar erhalten. Insgesamt sollen sich inzwischen über 2000 Syrer an den Frontlinien befinden, wovon über 250 getötet wurden und Viele wieder zurückgekehrt sind.

Pro-armenische Karte der derzeitigen Situation in Bergkarabach, grau markiert die von Aserbaidschan eroberten Gebiete.

In offiziellen Statements stellt das armenische Verteidigungsministerium die Situation im Vergleich zum Geschehen von vor über zwei Wochen als äußerst positiv dar, Tatsächlich spiegelt sich das auch auch in den Tatsachen auf dem Boden wieder, zumindest im Kontext der veröffentlichten Informationen. Demnach verkünden aserbaidschanische Medien kaum noch tatsächliche Erfolge und Bodengewinne, stattdessen wird sich auf die weiterhin zahlreich andauernden Drohnenangriffe konzentriert. Armenien wiederum veröffentlicht Berichte und Videos von erfolgreichen Überfällen, der Zerstörung mehrerer Kampfverbände und die Abwehr mehrerer Offensiven. Nichtsdestotrotz ist die Situation insgesamt recht unklar.

Einzig gesichert ist, dass die Kämpfe derzeit relativ konzentriert zwischen den 35 Kilometer voneinander entfernten Orten Schuschi und Hadrut stattfinden. Eine Region, welche von bewaldeten Gebirgsketten und Tälern geprägt ist, was ein Vorteil für die armenischen Verteidiger darstellt und offenbar auch geschickt von ihnen verwendet wird, zumindest verglichen mit den aserbaidschanischen Erfolgen im weiter südlich gelegenen Flussbettes des Aras. Der Vorstoß Aserbaidschans auf den Lachin-Korridor, die einzige Verbindungsstraße zwischen Bergkarabach und Armenien, scheint vorerst gestoppt zu sein, nachdem armenische Kräfte die Stadt Qubadli wiedererobern konnten. Im Norden und Osten der Region gibt es nur noch sporadische Gefechte, nachdem Aserbaidschan dort kaum nennenswerte Geländegewinne verzeichnen konnte.

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