Armenien ersucht russische Hilfe

Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die umkämpfte Region Bergkarabach geht mit dem Beginn des Novembers in ihren dritten Monat, nachdem der Konflikt Ende September durch eine aserbaidschanische Offensive wiederaufgenommen wurde. Diese können innerhalb dieses Zeitraumes beachtliche Erfolge vorweisen und kontrollieren nach bisherigen Informationen etwa 30% Bergkarabachs, darunter fast vollständig den Süden und immer größere Gebiete im Zentrum. Während sich eine „Schicksalsschlacht“ in der Nähe der symbolisch wichtigen Stadt Schuschi ankündigt, versucht die armenische Regierung, Russland zu einer stärkeren Intervention zu bewegen und damit zu einem Gegengewicht zu der massiven Unterstützung der Türkei für Aserbaidschan zu werden.

Bezüglich der Gebietskontrolle gibt es zwischen den beiden Seiten widersprüchliche Angaben. Der Verteidigungsminister Bergkarabachs sprach beispielsweise davon, dass die aserbaidschanischen Streitkräfte nur noch wenige Kilometer von der armenischen Stadt Schuschi entfernt stehen, ein Ort, welcher aufgrund seiner Relevanz im letzten großen Krieg um die Region und historisch bekannt für das Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren symbolisch bedeutsam ist, nur einige Kilometer von der Hauptstadt Stepanarkert entfernt liegt. Das würde bedeuten, dass Aserbaidschan innerhalb weniger Tage weite Gebiete Zentralkarabachs erobert hätte – eine Meldung, die selbst Aserbaidschan nicht behauptet. Laut ihnen befindet man sich weiterhin 30 Kilometer von Schuschi entfernt.

Unabhängig davon ist festzustellen, dass die meisten Kämpfe derzeit im Zentrum Bergkarabachs andauern. Aufgrund der Lufthoheit Aserbaidschans fügen Drohnen und Luftangriffe den armenischen Verteidigern enorme Verluste zu, hinzu kommen inzwischen tägliche Verluste an Material, die von den aserbaidschanischen Streitkräften dann erbeutet werden. Zuletzt wurde beispielsweise ein Luftabwehrsystem sichergestellt und inzwischen nach Baku für weitere Nachforschungen transportiert. Armenische Einheiten können aber auch den vorrückenden Soldaten Aserbaidschans durch Überfälle und Artillerieangriffe Schaden zufügen, vor kurzem konnte man erfolgreich zwei syrische Söldner gefangen nehmen, die derzeit versorgt und verhört werden.

Im Dorf Zengilan nahe der armenisch-karabachischen Grenze gibt es Indizien über die Exekution mehrerer armenischer Soldaten, die kurz zuvor gefangen genommen wurden. In einem in sozialen Medien aufgetauchten Video ist zu sehen, wie etwa zehn Leichen armenischer Soldaten aufgereiht im Dorfzentrum liegen. Einige davon tragen Handschellen, Andere sind halbnackt. Es ist möglich, dass zumindest Teile der Personen auf der Stelle exekutiert wurden, eine andere Option wäre es auch, dass die Leichen dort lediglich aufgebahrt wurden, was jedoch nicht die Handschellen erklärt. Die Vergangenheit hat bereits gezeigt, dass aserbaidschanische Soldaten oder syrischer Söldner keinerlei Skrupel gegenüber Gefangenen zeigen und diese seit Anbeginn des Konfliktes erschießen, mindestens drei solcher Fälle sind bekannt.

Das armenische Militär wirft Aserbaidschan vor, verbotene Brandmunition bei Gefechten im Süden der Stadt Schuschi verwendet zu haben. Aus den mehreren hochgeladenen Videos gehen hervor, wie die aserbaidschanische Luftwaffe offenbar Phosphormunition benutzt, um Wälder und damit Deckung der armenischen Verteidiger niederzubrennen und zugleich den Weg für aserbaidschanische Drohnenschläge zu öffnen. Bereits in den ersten Tagen des Krieges verwendete Aserbaidschan international geächtete Streumunition bei Angriffen auf Städte in Bergkarabach, was ein Kriegsverbrechen darstellt. Auch in der Nähe des Ortes Marakert gibt es ähnliche Meldungen vom Einsatz von Brandmunition, die zum Brand in den umliegenden Wälder führte. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium behauptet hingegen, dass Armenien das weiße Phosphor selber zur Verteidigung verwendet hätte.

Derweil hat der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan nach Angaben des Außenministeriums in Jerewan den russischen Präsidenten Wladimir Putin brieflich um Gespräche über eine mögliche Unterstützung Russlands gebeten. Dabei verweist eher auf die Freundschaftsverträge von 1997, die eine Kooperation im Falle einer fremden Aggression ermöglicht. Diese Vereinbarungen stehen in keinem Zusammenhang zu dem Militärbündnis der „Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit“ (CSTO), welches von Armenien bisher nicht aktiviert wurde. Das genaue Ausmaß dieser Zusammenarbeit ist jedoch unsicher, es muss sich nicht mal im militärischen Sektor befinden, sondern z.B. eine engere Kollaboration in wirtschaftlichen Fragen. Höchst wahrscheinlich wäre dennoch eine militärische Kooperation, da Russland bereits mehrere Militärbasen im Land besitzt und an der armenisch-karabachischen Grenze mehrere Vorposten errichtet hat.

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