In Bergkarabach droht eine neue humanitäre Katastrophe

Seit einem Monat kommt es zu schweren Gefechten zwischen den Armeen Aserbaidschans und Armeniens im Kampf um die Region Bergkarabach, welche seit jeher unter der Kontrolle der armenischen Lokalbevölkerung steht, rechtlich aber zu Aserbaidschan gehört. Letzteres ist auch das Land, welches den immer öfter auftauchenden Kriegsverbrechen zum Trotz und dank der massiven Unterstützung der Türkei neue Geländegewinne verbuchen kann und eigenen Angaben davor steht, Bergkarabach von Armenien abzuschneiden und damit zugleich eine humanitäre Katastrophe hervorzurufen, in der Hunderttausende Menschen eingeschlossen sind. Der Umgang Aserbaidschans mit gefangen genommenen Soldaten und Armeniern offenbart, dass das Ziel die ethnische Vertreibung derselben ist.

Zu den wichtigsten Veränderungen am Boden ist der derzeitige Vorstoß Aserbaidschans in Richtung des Lachins-Korridors, welcher die letzte Verbindung zwischen Armenien und Bergkarabach darstellt. Bereits im letzten großen Krieg von vor über 30 Jahren war der Ort Lachin Schauplatz brutaler Gefechte und von hoher strategischer Bedeutung, da die Region Karabach davor von Armenien abgeschnitten war, erst die Eroberung des Korridors änderte dies. Pro-aserbaidschanischen Berichten zufolge stehen sie inzwischen nur noch zehn Kilometer von Lachin entfernt, was einen enormen Erfolg darstellen würde. Die tatsächliche Situation ist unklar, jedoch sollen sie bereits mehrere Kilometer entlang eines Tals in Richtung Lachin vorgestoßen sein, wo ihnen schwerer Widerstand von Armenien bzw. Bergkarabach erwartet.

Woanders gibt es auch Widersprüche bezüglich militärischer Angaben. Während aserbaidschanische Medien am vergangenen Sonntag vermeldeten, etwa 20 Kilometer weit vorgedrungen und die Stadt Qubadli erobert zu haben, welche weitere 27 Kilometer von Lachin entfernt liegt. Außerdem befindet sich der Ort nahe der armenischen Grenze, welche in den vergangenen Wochen mit russischen Truppen verstärkt wurde, damit Aserbaidschan keine Angriffe auf armenisches Kernterritorium ohne direkte russische Intervention starten kann. Armenischen Meldungen hingegen sprechen von der erfolgreichen Abwehr aller Angriffe.

Die Sicherung des Lachin-Korridors würde nicht nur einen entscheidenden militärischen Effekt haben, sondern auch die hunderttausenden Menschen, die derzeit in Bergkarabach leben, einsperren. Deren Einkreisung würde zu einer großen humanitären Katastrophe führen, da man weder aus dem Kriegsgebiet fliehen, noch neue Waren in die Region hinein bringen kann. Hinzu kommt, dass der Luftweg schwer überwacht bzw. unzugänglich ist. Aserbaidschanische Soldaten haben in den letzten Wochen bereits bewiesen, dass sie keinerlei Berührungsängste mit Kriegsverbrechen haben, beispielsweise wurden zwei Gefangene auf einem öffentlichen Platz erschossen, nachdem sie am Vortag sich ergaben. Die chauvinistische Haltung beider Länder würde wahrscheinlich auch vor der Zivilbevölkerung keinen Halt machen, bisher flohen aus den eroberten oder umkämpften Gebieten sämtliche Einwohner.

Eine Option, welche es nach der erfolgreichen Einschließung nicht geben würde. Sie würden wohl das gleiche Schicksal wie den Soldaten ereilen, die bisher gefangen genommen wurden bzw. kapituliert haben. In einem veröffentlichten Film ist zu sehen, wie zwei ältere Männer in der armenischen bzw. karabachischen Flagge umwickelt niederknien, bis sie dann von aserbaidschanischen Soldaten erschossen werden. In einem anderen Video sind die gleichen Personen gesehen, wie sie einige Tage zuvor gefangen genommen wurden und bereits dort attackiert und verletzt wurden. Später sind weitere Bilder und Videos aufgetaucht, in denen verletzte armenische Soldaten einfach getötet oder sogar geköpft werden. Der Einsatz islamistischer Söldner aus Syrien verstärkt diesen Effekt nur weiter.

Das iranisch-karabachische Grenzgebiet ist ein anderer Ort, an dem es derzeit zu schweren Gefechten kommt. Während das aserbaidschanische Verteidigungsministerium behauptet, die gesamte Grenzregion erobert und gesichert zu haben, gibt es Widerspruch von armenischer Seite. Zwar kontrolliere Aserbaidschan weite Teile der Linie, jedoch wird an einigen Stellungen weiterhin Widerstand geleistet. Diese Behauptung wird mit mehreren veröffentlichten Videos untermauert, welche einen überfallenen Militärkonvoi Aserbaidschans zeigen. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass sich Bergkarabach und Iran eine noch etwa zehn Kilometer lange Grenze teilen. Aufgrund dieser Behauptungen veröffentlichte Armenien erstmalig eine Karte, welche die militärische Situation in der Region zeigen soll:

Grün zeigt die laut aserbaidschanischen Angaben eroberten Gebiete in Bergkarabach, während Rot die armenischen Behauptungen wiederspiegeln

Darin ist zu sehen, wie Aserbaidschan mit der Ausnahme des Dorfes Talish keinerlei Fortschritte im Norden Bergkarabachs gemacht hat. Das gleicht sich mit den bestehenden Beweisen ab, obwohl der wenige Kilometer weiter südlich gelegene Ort Magadiz schwer umkämpft sein soll. Im Süden ist die Situation bedeutend fluider und die Fronten wesentlich verhärteter, zumindest räumt Armenien den Verlust der Städte Hadrut und Jubrayil ein. Die großen Unterschiede sind vor allem in dem bereits erwähnten Grenzgebiet zum Iran und entlang der Gebirgsketten nördlich von Hadrut zu sehen. Außerdem wird nochmal bekräftigt, dass sich Aserbaidschan nicht in der Nähe des Lachin-Korridors befindet.

Das armenische Militär veröffentlichte überraschend ein Video, in dem sie erstmals den Besitz eigener „Suizid-Drohnen“ zeigen. Es ist zwar bekannt, dass Armenien zumindest einfache Aufklärungsdrohnen besitzt, die Verwendung derartiger Drohnen war bisher jedoch unbekannt. Eigenen Angaben zufolge wurde das neue Drohnensystem im Land selber entwickelt, jedoch wäre es nicht überraschend, wenn internationale Partner wie Russland, der Iran oder sogar China ihre Technologie transferierten bzw. an der Entwicklung beteiligt waren. Alternativ wäre es auch eine Option, dass die abgeschossenen aserbaidschanischen und türkischen Drohnen ausgewertet und wiederverwertet werden. Sollten diese ihren Zweck verwenden und massenproduziert werden.

Auf diplomatischer Ebene gab es zunächst neue Hoffnungen für einen Frieden. Zum dritten Mal gab es von beiden Seiten Versprechungen einer vorübergehenden Waffenruhe, erstmals verhandelt unter den Fuchteln der USA. Diese sollte ab Montag Morgen gelten, wurde aber schon nach wenigen Minuten verletzt, beide Staaten beschuldigen sich gegenseitig für den Waffenbruch. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium tweetete sogar exakt zum Anbeginn der Waffenruhe die erste Verletzung, nur um es kurz darauf wieder zu löschen. Ohnehin versucht Amerika derzeit, sich weiter in den Konflikt zu involvieren, womöglich auch in der Hoffnung von Präsident Trump, Wählerstimmen dadurch zu gewinnen.

Frankreich versucht ebenfalls, eine wichtige Rolle in den Verhandlungen einzunehmen, obwohl Russland und die Türkei als regionale Bündnispartner weiterhin die dominante Rolle spielen. Der Iran verstärkt die nun länger gewordene Grenze zwischen Iran und Aserbaidschan mit neuen Militäreinheiten, höchst wahrscheinlich handelt es sich hierbei aber nur um eine Sicherheitsmaßnahme. Vladimir Putin ordnete den derzeitigen Konflikt in einem Interview historisch ein anhand der bisher getöteten Personen. Demnach wurden innerhalb von drei Wochen 5000 Personen getötet, wobei Aserbaidschan die meisten Verluste erlitten hat. Sollten sich diese Angaben bewahrheiten, sind das Zahlen eines ausgewachsenen Krieges von hoher Intensität, im Vergleich dazu starben 15.000 sowjetische Soldaten während der zehn Jahre andauernden Militärintervention in Afghanistan.

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