Aserbaidschan macht enorme Geländegewinne in Bergkarabach

Im Kampf zwischen Armenien und Aserbaidschan um die armenische Region Bergkarabach scheint es zumindest vorerst einen Etappensieger zu geben: Allen schweren Verlusten zum Trotz konnten die aserbaidschanischen Streitkräfte mit der vielfältigen Unterstützung der Türkei und dem Einsatz syrischer Söldner weite Teile im Süden Bergkarabachs erobern, was ungefähr 15% des einstigen Territoriums ausmachen würde. Zwei Distrikte stehen größtenteils unter der Kontrolle von Baku, während es in anderen Frontabschnitten zu kaum nennenswerten Bewegungen kam. Während auf beiden Seiten die zivilen Verluste durch Bombardements und Raketenangriffe zunehmen, scheitert am Samstag der zweite Versuch einer Waffenruhe nach nur vier Minuten. Doch von nun an könnten Militäroperationen in dem Gebiet schwerer werden, die Frontlinien verschieben sich in Richtung Gebirgsterrain und der Winter naht. Der Iran könnte zukünftige eine entscheidende Rolle im Krieg spielen.

Es ist wenig überraschend, dass Aserbaidschan gerade im Süden derartige Erfolge erzielen kann. Weite Teile der Region befinden sich auf einer flachen Ebene, welche Bestandteil des Flussbettes des Aras ist, welches wiederum im Kontrast zu den gebirgigen Bedingungen anderswo in Bergkarabach steht. Nachdem man nach mehreren Tagen die ersten Verteidigungslinien durchbrach, gab es nur noch an wenigen Orten Widerstand von Seiten der armenischen Streitkräfte. Zuletzt wurde die Stadt Hadrut in einem Tal erbittert verteidigt, welche Schauplatz schwerer Gefechte, einer Massenflucht der einst 4.000 Einwohner und mehrerer Kriegsverbrechen wie der Exekution zweier Gefangener war. Jedoch fiel der Ort nach mehreren Tagen und der ersten Waffenruhe zum Trotz. Von dort aus konnte Aserbaidschan relativ problemlos die umliegenden Dörfer erobern und insbesondere weiter nordöstlich vordringen, wo sie nun die zweite Stadt namens Fizuli sichern konnten.

Damit kontrollieren sie nahezu den gesamten Südosten Bergkarabachs. Unklar ist, ob sich Armenien aus weiten Teilen der Region kampflos zurückgezogen hat, da sie aufgrund des Terrains erhebliche Nachteile für den Verteidiger bieten, oder aufgrund hoher Verluste und einer gewissen Machtlosigkeit zurückzogen. Denn gerade im Norden und Osten haben sich die Frontlinien nicht nennenswert verändert, vor allem da die Gebiete vor Ort von Gebirgsketten geprägt sind. Das gleiche Schicksal könnte nun im Süden der Fall werden, insofern Armenien über ausreichende Verteidigungsanlagen verfügt. Zudem gibt es noch den Faktor Winter, welcher im Kaukasus besonders hart ist und die ohnehin kaum befestigten Straßen entlang der Berge unbefahrbar machen würde. Das würde ein Fortkommen erschweren, zugleich aber kann zumindest Aserbaidschan auf ihre von Israel und der Türkei gelieferten Drohnen setzen, welche vergleichsweise wenig vom Wetter betroffen sind und sich ohnehin als die effektivste Waffe im Arsenal von Baku herausgestellt haben.

Parallel dazu gab es neue diplomatische Bemühungen von Seiten Russlands, die in einer zweiten Waffenruhe ab Sonntag gemündet sind, nachdem der erste Friedensversuch kolossal gescheitert ist. Zunächst gab es Versprechungen von beiden Konfliktparteien, welche sich aber nach offenbar nur vier Minuten lang hielten: Das Verteidigungsministerium von Bergkarabach berichtete um 0:04 Uhr von Feindbewegungen, welche in dem Gebiet um Hadrut weiter vordrangen. Seitdem kam es wieder zum gegenseitigen Artilleriebeschuss, während die Nacht an anderen Orten und insbesondere in den Städten von Bergkarabach von Ruhe geprägt war. Eigentlich sollte die Waffenruhe dazu dienen, die Leichen vom Schlachtfeld zu sammeln und zu evakuieren, jedoch kam es nicht mal dazu. Es gibt wenig Optimismus für eine neue Waffenruhe, wie die russische Regierung inzwischen selber eingestehen muss.

Doch nicht nur Bergkarabach war zuletzt von den Gefechten betroffen, auch die zweitgrößte Stadt Aserbaidschans, Ganja, wurde zum zweiten Male von mehreren Raketen getroffen, die 15 Zivilisten töteten und Dutzende verletzten. In der Vornacht zur Waffenruhe wurden die ballistischen Projektile auf Ganja gestartet, welche mehrere Wohnhäuser trafen und diese teilweise vollständig zerstörten. Die armenische Seite legitimiert diese Angriffe in erster Linie damit, dass es sich um eine Reaktion auf die wochenlangen Angriffe und die damit verbundenen Tote in den Städten Bergkarabachs handelt, welche es vor den ersten Attacken auf Ganja gab.

Außenpolitisch steht Armenien weiterhin relativ isoliert dar, während Aserbaidschan auf die materielle, personelle und diplomatische Unterstützung der Türkei setzen kann, ohne die es diesen Konflikt wahrscheinlich gar nicht geben würde. Russland versucht weiterhin zwischen den zwei Parteien zu vermitteln in der Hoffnung, beide Länder nicht zu verlieren, da es sie beide als wichtige Handels- und Bündnispartner betrachtet. Auf der anderen Seite gab es nun einen neuen Schritt seitens der iranischen Führung, welche gemeinsam mit Armenien das Embargo bezüglich der Waffenimporte und -exporte beendeten und als wichtiger Schritt einer weiteren Kooperation gewertet werden kann. Bereits vorab schickte Russland über den Iran ihr Militärequipment nach Armenien, nun könnte die iranische Regierung selbiges tun und besitzt zudem eine im internationalen Vergleich beträchtliche Drohnenflotte, die möglicherweise gegen Aserbaidschan eingesetzt werden könnte. Damit würde sich der Konflikt wohl zu dem ersten „Krieg des 21. Jahrhunderts“ entwickeln, in dem beide Seiten neue Technologien (in diesem Falle Drohnen) nutzen, die die Kriegsführung entscheidend verändern.

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