Der Krieg kommt in die Städte

Seit über einer Woche kommt es zum Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Kontrolle der autonomen, armenischen Region Bergkarabach, welche im Südwesten Aserbaidschans liegt. Seit Jahrzehnten war dieser Konflikt nicht mehr von einer derartigen Intensität geprägt, wie man ihn heute erlebt: Hunderte Tote auf beiden Seiten, selbst vor dem Einsatz schwerer Waffen wie ballistischen Raketen macht man inzwischen keinen Halt mehr. Insbesondere die karabachische Hauptstadt Stepanakart ist tagtäglichen Bombardements ausgesetzt, zu jeder Zeit regnen Raketen oder international geächtete Streumunition auf die Stadt nieder, während nicht mehr zwischen Militärs und Zivilisten unterschieden wird. Dieses Schicksal könnten in den kommenden Tagen armenische Städte teilen, wenn man den Drohgebärden Aserbaidschans glauben mag.

Auch weiterhin gibt es kaum nennenswerte Bodengewinne Aserbaidschans. Inzwischen konnten sie das Dorf Talish im äußersten Nordosten Bergkarabachs unter ihre Kontrolle bringen, während sie das Dorf Magadiz wieder aufgeben mussten. Der Ort liegt am Anfang einer Gebirgskette und ohne die erfolgreiche Sicherung der umliegenden Berge und Hügel ist eine Einnahme des Ortes unmöglich. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium berichtet zudem, im Südosten die 20 Kilometer von der einstigen Frontlinie entfernte Stadt Jabrayil erobert zu haben, zuzüglich weiteren Dörfern in der Umgebung. Beweise für diese Erfolge wurden bisher nicht vorgelegt, zudem widerspricht Armenien vehement diesen Angaben. Einige der veröffentlichten Videos Aserbaidschans zeigen zumindest, dass sie nur wenige Kilometer vordringen und anderorts offenbar sogar Stellungen wiedererobern mussten.

Dennoch gab es einige auffällige Veränderungen. Das aserbaidschanische Militär scheint immer weniger auf Drohnen zu setzen, zumindest gibt es weniger veröffentlichte Videos von Drohnenangriffen. Die Ursache dafür ist unklar, möglicherweise konnte Armenien erfolgreiche Gegenmaßnahmen einleiten, viele UAVs abschießen, sich erfolgreich vor ihnen verstecken oder gerade die sogenannten „Kamikaze-Drohnen“ durch den Einsatz von Attrappen wirkungslos machen. Eine andere Option könnte auch nur eine Operationspause aus unbekannten Gründen sein.

Eine andere Änderung ist die zunehmende Intensität von Artillerie- und Raketenangriffen auf Städte in Karabach. Insbesondere die Hauptstadt Stepanakart ist tagtäglich dutzenden Angriffen eingesetzt, bereits zum zweiten Mal in Folge wurde das Elektrizitätswerk beschädigt. Inzwischen scheinen diese Angriffe nicht mehr nur militärischen Zielen zu gelten, sondern auch ziviler Infrastruktur. Viele Wohnhäuser wurden in Folge dessen beschädigt oder zerstört, ein normales Leben ist nicht mehr möglich. Einwohner leben inzwischen nur noch in ihren Kellern oder Bunkern, sicher vor dem Tod. In der Zukunft könnten auch Städte in Armenien das gleiche Schicksal ereilen.

Für Rätselraten sorgen die letzten Meldungen aus mehreren Städten Aserbaidschans. Demnach wurden mehrere Orte, darunter die über 50 Kilometer von Bergkarabach entfernt liegende und für ihren Staudamm bedeutsame Stadt Mingacevir, den Baku-Vorort Absheron oder die 200 Kilometer entfernte Stadt Khizi, von mehreren Raketen des Typs „Tochka“ getroffen. Aserbaidschanischen Angaben nach sollten dabei zivile Infrastruktur wie Elektrizitätswerke oder Wasserkraftwerke getroffen werden, welche jedoch ihre Ziele verfehlten und keinen Schaden verursachten. Später veröffentlichte Bilder zeigen Raketen welche sich unversehrt in den Asphalt reingebohrt haben, jedoch handelt es sich dabei um Smerch-Raketen. Dort gehören jedoch die Ungereimtheiten nicht auf.

Das armenische Verteidigungsministerium widersprach derartigen Angaben und sagte hingegen, keinerlei Raketen auf diese Städte gefeuert zu haben. Zu den Bombardements auf die zweitgrößte Stadt Ganja vor zwei Tagen bekannten sie sich hingegen und beschrieben sie als Vergeltungsaktion der tagelangen Angriffe auf die bergkarabachische Hauptstadt Stepanakart. Dabei wurden in Ganja auch einige Wohnhäuser unweit der Militärbasen in der Stadt getroffen. Zudem gibt es erhebliche Kritik an den veröffentlichten Bildern, die die eingeschlagenen Raketen zeigen. Demnach wurden lediglich Löcher in den Boden gebohrt und die Geschosse von Aserbaidschan selber reingelegt und sogar extra mit einem Holzpflock befestigt. Zudem würde die Einschlagsrichtung nicht den Behauptungen Aserbaidschans entsprechen, dass die Projektile von Armenien aus gestartet wurden, sondern eher von Bergkarabach. Diese Angaben beschränken sich auf den angeblichen Angriff auf Mingacevir, für die anderen Orte wurden keine Bilder oder Angaben veröffentlicht.

Für diese Theorie gibt es nur ungenügende Beweise, genauso verwunderlich wäre aber ein plötzlicher armenischer Angriff mehrerer Orte tief in das aserbaidschanische Territorium hinein, die keinen militärischen Zugewinn erzielen. Aserbaidschan hat diese Situation zumindest für sich zum Vorteil genutzt und mit weiteren Konsequenzen gedroht. In absehbarer Zukunft könnten diese Raketen als Legitimation für weitere Angriffe auf armenische Gebiete genutzt werden, insbesondere Städte könnten das gleiche Schicksal wie Stepanakart ereilen: Wohngebiete werden tagtäglich von Artillerie und international geächtet Streumunition heimgesucht, die kritische Infrastruktur vor Ort zerstören. Also das, was Aserbaidschan Armenien vorwirft.

3 Kommentare zu „Der Krieg kommt in die Städte“

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