24 Stunden Krieg in Bergkarabach

Aserbaidschanische Drohnenaufnahme zeigt befestigte Stellung eines armenischen Fahrzeuges

Nach einem Tag erinnert nur wenig an die brüchige, aber effektive Waffenruhe zwischen Aserbaidschan und Armenien bzw. der autonomen Republik Bergkarabach. Stattdessen hält der Tod Einzug, auf beiden Seiten gibt es dutzende Tote zu beklagen, während die Gefechte über die Nacht weiter andauerten. Unklar ist jedoch, wer aus den ersten 24 Stunden als Sieger hervorgeht. Aserbaidschan behauptet, mehrere Dörfer erobert zu haben, während Armenien jegliche Gebietsverluste verneint. Die von der Türkei unterstützte und Gerüchten zufolge auch durchgeführte Drohnenkampagne verursacht auf armenischer Seite schwere Verluste, während armenische Truppen den vorrückenden aserbaidschanischen Einheiten durch Minen, Fallen und Hinterhalte enormen Schaden zufügen. In beiden Ländern wird mobilisiert, während das Ausland machtlos zuschaut.

Durch den Nebel des Krieges ist nur schwer zu bewerten, wer an dem ersten Tag der Eskalation siegreich hervorgehen konnte. Das Verteidigungsministerium von Aserbaidschan behauptet zumindest stolz, kleinere Gebiete im Südosten und Norden von Bergkarabach erobert zu haben, darunter sechs Dörfer und einen Berg. Der Präsident von Bergkarabach, Arayik Harutyunyan, bestätigte zumindest, einige Positionen verloren zu haben, ohne jedoch nähere Details genannt zu haben. In der Folgenacht kann er jedoch verkünden, einen großen Teil der geräumten Punkte wiedererobert zu haben. Neuesten Berichten zufolge setzt Aserbaidschan auch immer schwereres Kriegsgerät ein, zuletzt den russischen Mehrfachraketenwerfer TOS-1, welcher bereits in Syrien gefürchtet war. Armenien droht hingegen damit, zukünftig ballistische Kurzstreckenraketen wie die Iskandr einzusetzen.

Die blauen Punkte zeigen die angeblich eroberten Dörfer im Südosten Bergkarabachs

Armenische und aserbaidschanische Quellen werfen sich gegenseitig vor, schwere Verluste erlitten zu haben. So meldet Armenien bei den eigenen Angaben den Tod von 32 Soldaten, während Aserbaidschan über 200 Tote beklagen muss. Auf der anderen Seite veröffentlichte das Verteidigungsministerium in Baku keine Zahlen von den eigenen Verlusten, jedoch wurden 500 armenische Kämpfer getötet oder verletzt. Traditionell handelt es sich bei diesen Angaben um rein inflationäre Fantasiezahlen, wobei Armenien in der Vergangenheit ein wenig transparenter war. Hinzu kommen noch mehrere getötete Zivilisten auf beiden Seiten.

Bei den materiellen Verlusten sehen die Zahlen ähnlich aus. Demnach wurden 22 armenische Panzer, 15 Luftabwehrsysteme, 18 Drohnen, acht Artilleriegeschütze und zwei Munitionsdepots zerstört. Armenien wiederum behauptet stolz, drei Helikopter abgeschossen, 20 Drohnen und 30 Kampfpanzer zerstört und weitere erbeutet zu haben. Es wird versucht, diese Behauptungen mithilfe von offiziellen Videoaufnahmen zu belegen, wobei die armenische Seite an dieser Front wesentlich aktiver ist.

So gibt es Videos, die seit den ersten Stunden der Gefechte zerstörte Kampfpanzer und Konvois zeigen. Später wurde noch ein Video veröffentlicht, welches mehrere tote aserbaidschanische Soldaten zeigt, Armenien also ein umkämpftes Gebiet wiedererobern und dabei mehrere Transportpanzer erbeuten konnte. Aserbaidschan wiederum hat bisher lediglich Drohnenaufnahmen veröffentlicht, die in erster Linie Angriffe auf Flugabwehrsysteme und deren erfolgreiche Eliminierung zeigen. Das zeigt wie in Libyen und Syrien, dass die Luftabwehrsysteme aus russischer Produktion ungeeignet für die moderne Drohnen-Kriegsführung sind. Einige Videos zeigen aber auch getötete Soldaten und zerstörte Truppentransporter, wobei das nicht die Priorität darstellt.

Der Umfang der türkischen Intervention in den gegenwärtigen Konflikt ist relativ ungeklärt, jedoch spielt das anatolische Land zum ersten Mal eine relevante Rolle im armenisch-aserbaidschanischen Krieg. Die militärische Kooperation zwischen der Türkei und Aserbaidschan ist gut belegt und hat insbesondere in den vergangenen Monaten erheblich zugenommen, beispielsweise verkaufte die türkische Regierung mehrere Kampf- und Aufklärungsdrohnen an Baku, die bisher erheblichen Schaden verursachen konnten und zukünftig Israel als Nummer Eins der Drohnen-Handelspartner ablösen wird. Außerdem nahm die aggressive Rhetorik der Türkei gegenüber Armenien zu, so nannten sie das Land die „größte Gefahr für den Frieden in der Region“ und verkündeten die vollkommene Unterstützung für Aserbaidschan.

Auch findet momentan eine groß angelegte Trainingsoperation zwischen dem türkischen und aserbaidschanischen Militär statt, parallel zu einer in Armenien stattfindenden, gemeinsamen Trainingsmission armenischer, russischer und anderer Länder Truppen. Ungewöhnlich wiederum sind die vermehrten Flüge türkischer Aufklärungsdrohnen entlang der armenisch-türkischen Grenze, gerade südlich der Hauptstadt Jerewan werden immer wieder Drohnen des Typs „Bayraktar TB2“ gesichtet, die zu den leistungsstärksten ihrer Art im türkischen Arsenal gehören und sich bereits in Libyen als äußerst effektiv herausstellten.

Aufgrund des rigorosen Einsatzes von Kampf- und Aufklärungsdrohnen auf aserbaidschanischer Seite gibt es auch die Theorie, dass diese Waffen in Wirklichkeit von türkischen Soldaten bedient werden, so wie es bereits in Libyen der Fall war. Zwar hatte Aserbaidschan bisher den Willen offenbart, diese Kampfdrohnen zu erwerben, zumindest auf offizieller Seite kam es aber zu keinen Kauf. Zudem wäre es nur ein sehr kurzer Zeitraum gewesen, diese Drohnenflotte vorzubereiten und das nötige Training durchzuführen. Außerdem behauptet der armenische Präsident, dass türkische F16-Kampfjets an den Bombardements mehrerer Städte in Bergkarabach beteiligt waren. Beweise für eine derartige Rolle der Türkei fehlen aber bisher.

Im Gegensatz dazu verdichten sich die Meldungen bezüglich des Einsatzes syrischer Söldner auf aserbaidschanischer Seite. Inzwischen wurden mehrere Videos veröffentlicht, die Syrer in Aserbaidschan zeigen. Armenische Geheimdienstberichte bestätigen die Präsenz syrischer Kämpfer, wobei diese mit diesen Aussagen ihre eigenen Ziele verfolgen. Auf einem Video ist zu sehen, wie mehrere Pick-Ups mit arabischsprachigen Kämpfern auf dem Weg zu den Frontlinien sind. Neben der typischen islamistischen Rhetorik und Gestik tragen sie ein Barett, welches normalerweise Söldner verschiedener syrischer Milizen wie Sultan Murad oder der Hamza-Division tragen. Das deckt sich mit den Angaben armenischer Berichte, wonach neben den oben genannten Organisationen auch Islamisten wie Ahrar al-Sharqiyah, Firqat al Mu’tasim oder Jaysh al-Nukhba präsent sind. Bisher existieren keine hundertprozentigen Beweise, jedoch bewies die Präsenz syrischer Söldner in Libyen eindeutig: Es handelt sich nur um eine Frage der Zeit, bis die ersten Videos und Selfies von den Kämpfern selber veröffentlicht werden.

Bis auf die Türkei scheinen die internationalen Partner und Länder aber relativ apathisch und machtlos zu sein. Die syrische Regierung solidarisierte sich mit Armenien, da beide Ländern ohnehin enge Verbündete sind, die Türkei als gemeinsamen Feind besitzen, möglicherweise syrische Milizen auf aserbaidschanischer Seite kämpfen und Hunderttausende Armenier in Folge der Deportation und dem armenischen Genozid im 20. Jahrhundert heute in Syrien leben. Der Iran, ein weiterer Verbündeter Armeniens, sperrte im Verlauf des Sonntages alle aserbaidschanischen Nachrichtenseite und Fernsehkanäle im Land.

Die EU und der Westen allgemein fordert eine Beendigung der Kämpfe und eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. Die große Frage ist, wie Russland reagieren wird. Das Land besitzt zu den zwei ex-sowjetischen Staaten hervorragende Beziehungen, wobei Armenien durch eine russische Militärbasis im Land und einer Mitgliedschaft im gleichen Militärbündnis (OVKS) näher in den Sicherheitsapparat eingebunden ist. Dennoch bemühte sich Russland bereits in der Vergangenheit, eher eine Vermittlerrolle einzunehmen. Sollte jedoch die Türkei immer weiter in den Konflikt eingreifen, könnte das Russland zu eigenem Reagieren bewegen, um nicht weiter an Einfluss zu verlieren und damit auch die ökonomischen und sicherheitspolitischen Perspektiven im Kaukasus.

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