Neuer, alter Krieg im Kaukasus

Am frühen Morgen des Sonntags eskalierte die Situation an der Grenze zwischen Aserbaidschan und der autonomen, armenischen Region Nagorny-Karabach. Aserbaidschanische Truppen übertraten mit mehreren Kampfverbänden die Grenze und starteten Artillerieangriffe entlang der gesamten Frontlinie, zum ersten Mal seit Jahrzehnten wurde sogar die Hauptstadt Stepanakert bombardiert. Die Aktionen Aserbaidschans deuten auf eine klare und geplante Offensive hin, die in ihrer Intensität wesentlich höher als die Plänkeleien zwischen Baku und Armeniens im Juli ist. Zum ersten Mal nimmt die Türkei auch eine dominante Rolle ein, die der aserbaidschanischen Armee nicht nur Unmengen an Waffen und Kriegsgerät bereitstellt, sondern selber mit Drohnen aktiv ist und diversen Berichten sogar syrische Islamisten in den Kaukasus transportiert.

Die ersten Anzeichen für eine bevorstehende Militäroperation gab es bereits vor einigen Tagen. Mehrere türkische und aserbaidschanische Journalisten berichteten vor einer Woche über die Situation an der Grenze zu Bergkarabach, zudem betete ein anderer Reporter zu Allah, dass „seine Hoffnung diesmal nicht zerstört werden“. Das US-Botschaft in Aserbaidschan warnte vor zwei Tagen vor einem Aufenthalt in weiten Teilen des Landes. Zudem verschärfte die Türkei ihre Rhetorik gegenüber Armenien, nachdem es im Juli zu wochenlangen Gefechten an der gemeinsamen Grenze mit Aserbaidschan gekommen ist. Die militärische Kooperation zwischen der Türkei und Aserbaidschan hat sich in den Folgemonaten wesentlich vertieft, beispielsweise verkaufte die türkische Regierung mehrere Kampf- und Aufklärungsdrohnen an Baku. Auch findet momentan eine groß angelegte Trainingsoperation zwischen dem türkischen und aserbaidschanischen Militär an. Gerade in der letzten Woche hat sich die Situation wieder zugespitzt, nachdem angeblich eine armenische Drohne über den Luftraum von Aserbaidschan abgeschossen und mehrere Soldaten in der Region von Tavush getötet wurden.

Zudem bestärkte sich das Gerücht, die Türkei würde Hunderte syrische Söldner nach Aserbaidschan schaffen, um dort die bestehenden Garnisonen an der Grenze zu verstärken. Demnach wurden Kämpfer der sogenannten „Syrischen Nationalarmee“ (SNA), ein Milizenverband welcher von der Türkei aufgebaut, trainiert und finanziert wird, vor wenigen Tagen erst nach Aserbaidschan geflogen. Diese Maßnahme hat Tradition, die Türkei hat nämlich bereits in der Vergangenheit Syrer nach Libyen verschifft, wo sie bei der erfolgreichen Verteidigung von Tripolis halfen. Das Gerücht wurde zudem noch dadurch verstärkt, dass der in Syrien ansässige ägyptische Kleriker Abu al-Yaqdhan al-Masri vor einem Einsatz in Aserbaidschan warnte und man sich stattdessen auf den „syrischen Dschihad“ konzentrieren solle.

Bisherigen Berichten zufolge konnte das Militär von Nagorny-Karabach die Angriffe erfolgreich abwehren. In mehreren, vom Verteidigungsministerium veröffentlichten Videos ist zu sehen, wie mindestens drei Panzer der aserbaidschanischen Armee erfolgreich zerstört werden konnten. Zudem verzeichnet das Militär den erfolgreichen Abschuss von zwei Helikoptern und mehrerer Drohnen. Aserbaidschan hat hingegen bisher keine offiziellen Erfolge verlautbart, jedoch wurden durch den Artilleriebeschuss auf die Städte mehrere Zivilisten getötet. Als Reaktion auf die Angriffe wurde in Nagorny-Karabach das Kriegsrecht und eine Generalmobilisierung ausgerufen, dem kurz danach Armenien mit einer eigenen Mobilisierung folgte, ohne jedoch bisher direkt involviert zu sein. Raketenwerfer und Panzer werden von den anderen Teilen des Landes zur Grenze geschafft. Das sind Indikatoren dafür, dass die armenische Seite einen größeren und direkten Konflikt erwartet.

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