Der Aufstieg des Islamischen Staates in Mosambik

Überreste der Strandhütten auf der Insel Vamizi, nachdem sie von IS-Kämpfern zerstört wurden

Im äußersten Nordwesten des Mosambiks herrscht der Terror. Dort ergibt sich ein Szenario, welches global kaum bekannt ist und zugleich frappierend an das Geschehen in anderen Ländern erinnert: Der nationale Ableger des Islamischen Staates herrscht über ein Gebiet, welches neben mehreren Städten auch riesige Mengen an Erdgas und eine international bekanntes Tourismusziel beinhaltet. Der offiziell als „Islamische Staat Zentralafrika)“ (ISCA) bezeichnete Vertreter der Terrormiliz kann in dem mehrheitlich christlichen Mosambik von der Korruption, Brutalität und Marginalisierung der muslimischen Bevölkerung durch die Regierung profitieren und auf dessen Basis ein neues Kalifat errichten. Die Sicherheitskräfte sind mit der Situation überfordert, obwohl internationale Unterstützung in Form von russischen und südafrikanischen Privatarmeen gegeben ist.

Der Ursprung in alledem ist in dem Jahre 2018 zu finden, als die mosambikische islamistische Gruppierung „Ahlu Sunnah Wal Jammah“ dem inzwischen verstorbenen Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi die Treue schwor und damit offiziell Teil des Islamischen Staates wurde. Zusammen mit anderen Milizen aus dem Kongo bildeten sie die „Wilayat (Provinz) Zentralafrika“, welche sich damit in den bestehenden Provinzmodell von Nordafrika, al-Sham (dem Levante) oder Khorasan (Afghanistan) einreiht. Die Führung ist größtenteils unbekannt, jedoch soll es sich um Dschihadisten mit Kampferfahrung aus Somalia und salafistische/wahabitische Prediger aus den Golfstaaten handeln. Das genaue Ausmaß der Kontakte mit anderen IS-Ablegern ist relativ unbekannt, z.B. ob sie Waffen oder Training aus Syrien oder dem Irak erhalten haben. Offizielle Medienkanäle und Nachrichtenagenturen des Islamischen Staates wie AMAQ oder al-Furat sind jedoch fester Bestandteil der ISCA-Propagandakampagne.

Seit dem März, in einer Zeit, in der viele Länder mit sich selbst beschäftigt waren, begannen die Übergriffe des IS in Mosambik erheblich zuzunehmen, zunächst waren es nur reguläre Überfälle auf Straßen und Militärkonvois. Ende des Monats änderte sich die Situation, als sie scheinbar mühelos die einst 30.000 Einwohner zählende Hafenstadt Mocimboa da Praia und zwei Tage später den Ort Quissanga erobern konnten. Inzwischen konnten sie weitere Dörfer sichern und haben insbesondere im September ihre Aktivitäten intensiviert und mehrere Straßen und Siedlungen in der Region Cabo Delgado angegriffen. Zu den prestigeträchtigsten Zielen gehörten die Inseln Metundo, Quifuqui und Vamizi, welche vor Covid-19 äußerst wichtig für den Tourismus waren. Auf Vamizi lag ein Luxushotel, welches sogar von Hollywood-Stars wie Daniel Craig besucht wurde und damit international bekannt war.

Das Ressort und Teile der restlichen Insel wurden von den IS-Kämpfern gebrandschatzt, wodurch eine Person getötet wurde. Mit der Übernahme einiger Inseln bemüht sich ISCA, die Küstenregion zu kontrollieren und damit auch dem Seehandel entscheidenden Schaden zuzufügen. Zudem nutzten sie den Seeweg selber für Angriffe auf Küstendörfer, die daraufhin größtenteils zerstört wurden. Ein sehr begehrtes Ziel derzeit ist die Afungi-Halbinsel, wo sich eine milliardenschwere Gasverflüssigungsanlage befindet. Ohnehin ist das Territorium im Nordwesten des Mosambiks dafür bekannt, enorme Mengen an Erdgas zu besitzen, vieles davon vor der Küste des Landes. Aufgrund dessen soll in der Stadt Palma 80 Kilometer nördlich von Mocimboa eines der größten Projekte Afrikas erschaffen werden, bis 2024 will der Konzern „Total“ eine riesige Erdgas-Raffinerie errichten. Von dieser Einnahmequelle möchte natürlich auch der IS profieren, oder sie zumindest der Regierung verwehren.

Regierung und Armee scheinen mit der Situation bisher überfordert zu sein. Die Stadt Mocimboa da Praia wurde nach fünftägigen Kämpfen aufgegeben, der IS erbeutete dadurch mehrere Munitionslager, eine Militärbasis und konnte sogar ein Boot der Marine versenken. Die etablierten Guerillataktiken der Terrormiliz, die einer schlecht ausgerüsteten und trainierten Armee gegenüberstehen, erweisen sich als sehr effektiv, während schwere Kämpfe mehrere Kilometer südlich von Mocimboa andauern, ohne jedoch entscheidende Erfolge zu erzielen. Deswegen setzt Mosambik zeitweise auch auf Privatarmeen und afrikanische Sicherheitsorganisationen, beispielsweise die südafrikanische „Dyck Advisory Group“, welche in Folge der Gefechte bereits zwei Helikopter verloren haben. Unter den involvierten Gruppen soll sich auch die russische Wagner-Organisation befunden haben, welche im Falle von Afrika bereits in der Zentralafrikanischen Republik und Libyen aktiv war. Dennoch soll diversen Berichten zufolge ihr Einsatz in Mosambik ein Desaster gewesen sein, in erster Linie mangels fehlender Kommunikation von ihrem Auftraggeber. Demnach haben Wagner-Söldner nur leicht bewaffnet die Küstenstraßen patrouilliert, die immer wieder Opfer von Überfällen und Sprengstofffallen der IS-Kämpfer geworden sind.

Die Kämpfe haben inzwischen zur Massenflucht von schätzungsweise bis zu 200.000 geführt, während insgesamt 1.500 Menschen getötet wurden. Der Islamische Staat kann dabei zumindest teilweise auf die Unterstützung der muslimischen Bevölkerung vor Ort setzen, welche von der Regierung oftmals ignoriert und marginalisiert werden. Besonders bei den Jüngeren gibt es kaum eine wirtschaftliche Perspektive, die Jugendarbeitslosigkeit ist sehr hoch. Zudem agiert die mosambikische Armee besonders repressiv, schlägt und verhaften gerade Menschen im muslimischen Norden, die oftmals für dumm oder primitiv gehalten werden. Erst vor einer Woche wurde ein Video veröffentlicht, welches zeigt, wie eine nackte Frau auf offener Straße von der Armee offenbar grundlos erschossen wurde. Derartige Vorfälle sind keine Einzelfälle sondern ein systematisches Vorgehen eines Staatsapparates, welches keine Gnade kennt.

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