Russland und Türkei bombardieren sich in Syrien gegenseitig

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In den letzten zwei Tagen kam es regelrecht zu einem Schusswechsel zwischen der Türkei und Russland in Nordsyrien. In der Nacht zum Donnerstag flogen russische Kampfjets mehrere Angriffe auf die Stadt al-Bab, welche sich seit der ersten türkischen Militärintervention in Syrien unter fester türkischer Verwaltung befindet und das nördliche Nachbarland dort mehrere Militärbasen besitzt. Nur einen Tag später attackierte dann eine türkische Drohne ein kurdisch-russisches Kommunikationszentrum nahe der syrisch-türkischen Grenze, in dessen Folge zwei russische Soldaten verletzt wurden. Diese direkte Konfrontation sorgt für Rätselraten, da die beiden Länder trotz der Unterstützung verfeindeter Fraktionen in anderen Landesteilen durch gemeinsamen Patrouillen miteinander kooperieren und sich bisher vergleichsweise ignorierten.

Die nördlich von Aleppo gelegene Stadt al-Bab wurde von mindestens zwei Luftangriffen durch die russische Luftwaffe heimgesucht. Zunächst gab es auch Gerüchte darüber, dass es sich um amerikanische Kampfjets handele, da sie in der Region des öfteren Aufklärungsflüge unternehmen und auf der Suche nach ranghohen Mitgliedern des Islamischen Staates oder al-Qaida sind, welche sich nachweislich relativ frei in der von der sogenannten „Syrischen Nationalarmee“, ein von der türkischen Regierung ausgebildeter und finanzierter Verband von verschiedenen Milizen, kontrollierten Gebieten bewegen können, welche sich faktisch unter der Kontrolle der Türkei befindet. Das eigentliche Ziel der russischen Luftschläge ist weiterhin unklar, da in Wirklichkeit nur einige Wohngebäude inmitten des Ortes getroffen wurden, wodurch mindestens ein Zivilist getötet und Weitere verletzt wurden.

Womöglich besaß Russland Informationen über den Aufenthalt möglicher IS-Anhänger oder anderer Gruppierungen, beispielsweise von der größten syrischen Oppositionsgruppierung Tahrir al-Sham (ehemals bekannt unter den Namen Fateh al-Sham und Jabhat al-Nusra), die zwar von der Türkei ebenfalls als terroristische Gruppe klassifiziert wird, zugleich aber auch ein wichtiger Partner in Syrien ist und dementsprechend nicht von der Türkei selber getötet werden kann. Das würde auch erklären, weshalb eine Nacht später russische Aufklärungsflugzeuge in der gesamten Region, insbesondere in dem benachbarten Gebiet von Afrin, aktiv waren.

Ebenso mysteriös ist ein möglicher Zusammenhang zur türkischen „Vergeltungsaktion“ einen Tag später. Eine türkische Angriffsdrohne attackierte ein Kommunikationszentrum, welches von Russland und dem kurdisch-arabischen Milizenbündnisses der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) zusammen genutzt wird und sich in der syrisch-türkischen Grenzstadt Darbasiyah im Nordwesten des Landes befindet. Resultierend daraus wurden zwei russische Soldaten und mehrere SDF-Kämpfer verletzt. Im Gegensatz zu der russischen Operation in al-Bab handelt es sich um einen direkten Angriff auf die russischen Streitkräfte im Land, ein weiterer Schritt in Richtung Eskalation. Auch gerade die russische Präsenz im Luftraum über Nordsyrien könnte in der Zukunft noch Konfliktpotential hervorbringen.

Diese Spannungen sind wohl Ausdruck der weiterhin existierenden Unklarheiten bezüglich der Situation in der letzten, noch von Islamisten gehaltenen Provinz Idlib. Während die syrische Regierung und Russland zunehmend darauf setzen, die letzten Oppositionsgebiete zu erobern und immer wieder ihre Positionen entlang der Frontlinien verstärken, ist die Türkei inzwischen mit einem riesigen Truppenaufgebot in Idlib aktiv, inklusive Luftabwehrsystemen und etlichen Kampfpanzern. Zudem wurden die gemeinsamen Patrouillen entlang der „demilitarisierten Zone“ in Idlib erst vor kurzem angegriffen, was einen langfristigen Zweck dieser Mitarbeit in Frage stellt, auch da die Türkei keine Schritte zur Bekämpfung der islamistischen Fraktionen unternimmt, die genau derartige Angriffe durchführen. Außerdem konkurrieren die Länder auch in anderen Konfliktherden (Libyen und der Kaukasus) zunehmend gegeneinander.

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