Luftschläge treffen türkische Militärbasis in Libyen

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Türkischer Verteidigungsminister Hulusi Akar zu Besuch in Tripolis

Vor wenigen Nächten flogen mehrere Kampfjets bisher unbekannten Ursprungs einen Angriff auf die strategisch wichtige Luftwaffenbasis al-Watiyah südwestlich der libyschen Hauptstadt Tripolis, welche sich derzeit unter der Kontrolle der sogenannten „Einheitsregierung“ (GNA) befindet und zunehmend von ihrem größten Unterstützer, der Türkei, genutzt wird. Dabei ist Berichten zufolge mindestens ein türkisches Luftabwehrsystem zerstört worden. Während sich die westlibysche Tobruk-Regierung bzw. die „Libysche Nationalarmee“ (LNA) unter der Führung des Generals Khalifa Haftars die Bombardements bekennt, suchen türkische Medien bei Frankreich oder den Vereinigten Arabischen Emiraten nach dem Schuldigen. Die Türkei droht nun mit Vergeltungsschlägen in Libyen.

Al-Watiyah befand sich noch vor wenigen Monaten in den Händen der Libyschen Nationalarmee, war jedoch das erste primäre Ziel der GNA-Gegenoffensive mit massiver türkischer Unterstützung. Der Ort ist insofern bedeutend, da man von dort aus weite Teile Westlibyens mit der eigenen Luftwaffe anfliegen kann und sich zudem noch nahe der tunesischen Grenze befindet. Es gab bereits früh Gerüchte von einer Verpachtung des Geländes an die Türkei, welche sich nun bewahrheitet haben. Die Türkei versucht seit Wochen, die Schaden und Trümmer vor Ort zu räumen und damit wieder voll funktionsfähig zu machen, auch um möglicherweise eigene Kampfjets in Libyen zu stationieren und somit die Luftherrschaft bzw. eine Flugverbotszone für den Feind zu etablieren.

Ersten Satellitenbildern zufolge wurden etwa drei Gebiete auf dem Areal von al-Watiyah durch Luftangriffe getroffen, insbesondere der Südwesten und -osten wurde von mehreren Bomben attackiert. Dort soll ersten Medienangaben zufolge die türkische Luftabwehr stationiert gewesen sein, wobei unklar ist, ob sie einsatzbereit war oder bisher nur aufgebaut wurde. Demnach wurden mindestens zwei Luftabwehrsysteme erfolgreich zerstört, darunter eine MIM-23 HAWK. Selbst türkische Medien berichten von nicht näher definierten Verlusten. Der Angriff war vor allem eine Botschaft an die Türkei, welche neben al-Watiyah auch weitere Flughäfen und Häfen zu permanenten Militärbasen ausbauen will, dass sie ihre Aufrüstung und langfristige Präsenz in Libyen nicht widerstandslos planen können. Ob die Operation dabei durch Frankreich, die Vereinigten Arabischen Emirate oder die libysche Luftwaffe durchgeführt wurde, ist dabei zweitrangig.

Dennoch gibt es wenige Beweise davon, dass ein anderes Land außerhalb Libyens dafür verantwortlich war. Möglich ist es jedoch, dass Russland in dieser Aktion involviert war. Vor Monaten wurden russische Kampfjets auf dem zentrallibyschen Fliegerhorst al-Jufrah gesichtet, dessen Grund für ihre Stationierung im Bürgerkriegsland völlig unbekannt ist. Genau diese Basis wird nun von der Türkei damit bedroht, attackiert und eingenommen zu werden, als Reaktion auf die Angriffe in al-Watiyah. Gleichermaßen wird al-Jufrah zusammen mit der Hafenstadt Sirte von Ägyptens zur „roten Linie“ deklariert, dessen Eroberung eine ägyptische Intervention provozieren würde.

Die Tobruk-Regierung unter Khalifa Haftar kontrolliert etwa 80% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Auch Griechenland, Saudi-Arabien und Jordanien unterstützen Ostlibyen. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung erhalten sie in erster Linie von der Türkei, aber auch der Iran und Katar transportierten bereits Waffen und lieferten finanzielle Hilfe. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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