Lage spitzt sich in Libyen weiterhin zu

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Der libysche Konflikt entwickelt sich zunehmend zum Stellvertreterkrieg verschiedener Staaten und internationaler Interessen und folgt damit dem Modell Syriens. Die massive türkische Intervention mit eigenen Truppen und Equipment ruft bei vielen Staaten eine entsprechende Reaktion hervor: Während Ägypten mit einer möglichen Militärintervention zugunsten der von ihnen unterstützten ostlibyschen Tobruk-Regierung bzw. der „Libyschen Nationalarmee“ (LNA) unter Khalifa Haftar droht, versuchen Frankreich und Griechenland eher durch subversivere Methoden die Unterstützung der Türkei für die sogenannte „Einheitsregierung“ (GNA) in Westlibyen zu unterbinden. Während die eigentlichen libyschen Mächte immer mehr zum Spielball werden, erreicht der Bürgerkrieg eine neue internationale Ebene.

Die diplomatischen Plänkeleien zwischen den zwei wichtigsten Mächte im Konflikt, die Türkei und Ägypten, haben in letzter Zeit wesentlich nachgelassen, dafür treten ihre Stellvertreter in Libyen wesentlich aggressiver auf. Während die ostlibysche Tobruk-Regierung damit droht, im Falle der Eroberung der wichtigen Hafenstadt und zudem Drehkreuz des libyschen Ölhandels, Sirte, offiziell eine ägyptische Intervention zu erbitten, mustert die Einheitsregierung internationale Unterstützung an. Demnach soll es sich nur noch um Tage handeln, dass die USA ihre Unterstützung für die GNA kundtun wird und damit auch in einem kleineren oder größeren Rahmen am Krieg beteiligt wird, nachdem sich sämtliche US-Truppen unter Trump aus dem Land zurückgezogen haben. Die syrische Regierung hingegen kündigte eine Allianz mit Ägypten an, sollten sie in Libyen intervenieren.

Neben Ägypten und der Türkei tritt auch ein zweites Konfliktfeld zwischen zwei Ländern immer weiter hervor: Frankreich und der Türkei. Frankreich unterstützt schon seit Jahren Khalifa Haftar in der Hoffnung, mit ihm bessere Verträge und Pläne zugunsten der französischen Wirtschaft auszuhandeln, nachdem die Einheitsregierung bereits Gespräche mit Italien führte. Aufgrund dessen ist die EU gespalten, Frankreich setzte Berichten zufolge sogar Spezialeinheiten während mancher Gefechte gegen islamistische Extremisten im Osten des Landes ein. Der damit verbundene Konflikt mit der Türkei hat neuerdings einen neuen Höhepunkt erreicht, nachdem die Türkei vier angebliche Spione Frankreichs festgenommen hat. Unterstützung erhält Frankreich dabei durch Griechenland, welches ohnehin territoriale und maritime Konflikte an der gemeinsamen Grenze mit der Türkei pflegt. Beide versuchten bisher erfolglos, entsprechend des UN-Waffenembargos den Schiffsverkehr zwischen Libyen und der Türkei zu blockieren.

Währenddessen rüstet die Türkei ihre Stellvertreter in Westlibyen weiter finanziell und materiell aus. Neben der immer weiter steigenden Anzahl an syrischen Söldnern, die durch das schnelle und vor allem gute Geld gelockert werden, tauchen immer neue Waffensysteme in ihren Händen auf. Zu den neuesten Entdeckungen zählen schultergestützte Luftabwehrsysteme (MANPADS) aus chinesischer Hand, die wahrscheinlich über die Türkei importiert wurden. Deren Auftauchen in Libyen zeugt davon, dass sich das nordafrikanische Land zunehmend zum zweiten Syrien entwickelt, in dem dutzende ausländische Mächte um Einfluss buhlen. Denn diese MANPADS sind vor allem eine Message an Russland, die angeblich seit Wochen eigene Kampfjets im Land stationiert haben sollen. Sollten diese Waffensysteme zukünftig eingesetzt und zudem in großen Mengen verfügbar sein, könnte das eine neue Eskalationsstufe in der Zukunft bedeuten.

Die Tobruk-Regierung unter Khalifa Haftar kontrolliert etwa 80% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Auch Griechenland, Saudi-Arabien und Jordanien unterstützen Ostlibyen. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung erhalten sie in erster Linie von der Türkei, aber auch der Iran und Katar transportierten bereits Waffen und lieferten finanzielle Hilfe. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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