Ägypten könnte jederzeit in Libyen intervenieren

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Seit der türkischen Militärintervention in den libyschen Konflikte haben sich die Stärkeverhältnisse zwischen der sogenannten „Einheitsregierung“ (GNA) mit Sitz in der westlibyschen Hauptstadt Tripolis und der ostlibyschen Tobruk-Regierung bzw. der „Libyschen Nationalarmee“ (LNA) zugunsten ersterer Fraktion verschoben. Nun aber könnte der wohl größte Unterstützer der Nationalarmee, Ägypten, eine eigene Operation im westlichen Nachbarland planen und durchführen, nachdem Präsident al-Sisi mehrere Andeutungen machte. Sowohl die Türkei und Ägypten, als auch die beiden verfeindeten Regierungen in Libyen befinden sich derzeit auf Eskalationskurs, nachdem beide Seiten keinerlei Bereitschaft für Verhandlungen zeigen. 

Der ägyptische Präsident Abdel Fatteh al-Sisi verkündete am Samstag während einer groß angelegten Militärübung in der Nähe der ägyptisch-libyschen Grenze die Bereitschaft der eigenen Streitkräfte, in Libyen zu intervenieren, insofern das „libysche Volk“ es so verlange. Dazu wurden tausende Truppen und Hunderte Militärfahrzeuge zusammengezogen, darunter auch modernes Equipment wie mehrere Kampfjets oder Abrams-Kampfpanzer. Dies erklärt auch die Gerüchte von vor rund einer Woche, wo mehrere Truppenbewegungen entlang der gemeinsamen Landesgrenze mit Libyen beobachtet wurden und bereits als Indikator für eine mögliche ägyptische Invasion angesehen wurde.

Trotz dieser recht deutlichen Worte von al-Sisi ist unklar, ob es sich hier lediglich um eine Drohung gegenüber der Türkei handelt, damit sie nicht weitere Gebiete in Libyen erobern. Denn in dem Zusammenhang erklärte Ägypten die al-Jufra-Luftwaffenbasis in Zentrallibyen und die Hafenstadt Sirte zur roten Linie, dessen Eroberung durch die Einheitsregierung einen ägyptischen Angriff provozieren würde. Die GNA hingegen machte als Reaktion darauf klar, dass sie jeden Meter Libyens von der Tobruk-Regierung „befreien“ werden, also eine klare Absage gegenüber den ägyptischen Drohungen stellen. Obwohl die Einheitsregierung mit der Unterstützung der Türkei fast die gesamte Region Tripolitanien im Nordwesten des Landes erfolgreich wiedererobern konnten, stoßen sie bei den zwei oben genannten Orten auf erheblichen Widerstand. Ein Grund dafür sollen auch angebliche Luftschläge von ägyptischen Kampfjets sein, wofür es jedoch keine Beweise gibt.

Die Tobruk-Regierung unter Khalifa Haftar kontrolliert etwa 80% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Auch Griechenland, Saudi-Arabien und Jordanien unterstützen Ostlibyen. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung erhalten sie in erster Linie von der Türkei, aber auch der Iran und Katar transportierten bereits Waffen und lieferten finanzielle Hilfe. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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