Vormarsch der libyschen Einheitsregierung vorerst aufgehalten

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Nachdem die sogenannte „Einheitsregierung“ (GNA) mit ihrem Sitz in der libyschen Hauptstadt Tripolis und unter der Führung des Premierministers Fayiz Sarraj mithilfe des türkischen Militärs ihre jahrelange Niederlagen revidieren konnte und fast die gesamte Region von Tripolitanien im Nordwesten des Landes kontrolliert, stößt sie bei der wichtigen Hafenstadt Sirte erstmals wieder auf Widerstand durch die „Libysche Nationalarmee“ (LNA) unter dem Kommando von General Haftar, welcher mit der Tobruk-Regierung ganz Ostlibyen kontrolliert. Während neue Friedensverhandlungen gescheitert sind, baut die Türkei ihre militärische Präsenz im Land permanent weiter aus, einigen Gerüchten zufolge plant Ägypten ähnliches nur auf Seiten der Nationalarmee.

Dreh- und Angelpunkt des derzeitigen Geschehens ist die Hafenstadt Sirte. Über Sirte verlaufen der Großteil der libyschen Ölexporte, da sich dort mehrere Raffinerien und die meisten Ölfelder des Landes befinden. Nachdem die GNA ihre Initiative nutzte, um scheinbar unaufhaltsam neue Gebiete in der Region von Tripolitanien zu erobern, stießen sie erstmals in Sirte auf ernsthaften Widerstand durch die Nationalarmee. Zwar konnten sie kurzzeitig mehrere Viertel im Westteil der Stadt halten, mussten sich jedoch unter hohen Verlusten geschlagen geben und aus der Region vollständig zurückziehen, nachdem Luftangriffe die durch die Wüste gelegenen Nachschublinien und Verstärkungswege trafen. Derzeit kontrolliert die LNA wieder mehrere Orte westlich von Sirte und konnte damit eine effektive Pufferzone errichten.

Insbesondere Ägypten versucht, ihren Stellvertreter im libyschen Konflikt, die ostlibysche Tobruk-Regierung, weiter zu unterstützen. Nach den verheerenden Niederlagen kündigte man die Bereitschaft zu einer unilateralen, von Ägypten ausgehandelten Waffenruhe bei, wodurch man die eigenen Kräfte sammeln und die Frontlinien stabilisieren könnte. Die Einheitsregierung lehnte jedoch einen derartigen Frieden ab in der Hoffnung, weitere Gebiete erobern zu können. Nach dem Rückzug aus Sirte blieben jedoch weitere Erfolge aus und im Falle weiterer Niederlagen könnten beide Fraktionen zum Verhandlungstisch gezwungen werden. Eine Zeit lang gab es sogar Gerüchte von einer Militärintervention in der Türkei, nachdem mehrere Truppenbewegungen und -verstärkungen entlang der libysch-ägyptischen Grenze beobachtet wurden. Trotz derartiger Rhetorik folgten aber keine weiteren Aktionen seitens Ägyptens.

Die Türkei baut derweil ihre Präsenz in und rundum Libyens weiter aus. Einigen Medienberichten zufolge wolle das türkische Militär eine permanente Militärpräsenz durch eine eigenen Marinebasis in Misrata aufbauen. Zudem wird der Watiyah-Militärflughafen wiederaufgebaut, von wo aus türkische Drohnen und Kampfjets eingesetzt werden könnten. In dem Zusammenhang startete das türkische Militär am Freitag eine Militärübung, wo sie durch mehrere Manöver die Bereitschaft der Luftwaffe zeigten, sie jederzeit in dem Konflikt einsetzen zu können.

Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 80% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Auch Griechenland, Saudi-Arabien und Jordanien unterstützen Ostlibyen. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung erhalten sie in erster Linie von der Türkei, aber auch der Iran und Katar transportierten bereits Waffen und lieferten finanzielle Hilfe. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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