Einheitsregierung vertreibt Nationalarmee aus Tripolis

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Kämpfer der Einheitsregierung auf dem Flughafen von Tripolis

Am Donnerstag verkündete ein Pressesprecher der sogenannten „Einheitsregierung“ (GNA) siegesgewiss die Rückeroberung sämtlicher Orte und Viertel der Hauptstadt Tripolis, nachdem die „Libyschen Nationalarmee“ (LNA) unter der Führung des Generals Khalifa Haftars und der ostlibyschen Torbuk-Regierung im Zuge ihrer seit einem Jahr andauernden Militäroffensive den südlichen Teil der Großstadt vorübergehend halten konnte. Die Nationalarmee zog sich aus weiten Teilen der Region zurück, nachdem sie eine große Niederlage mit dem Verlust des al-Watiyah-Militärflughafens erleiden mussten, die vor allem das Ergebnis der türkischen Intervention war. Nun versucht sie ihre Stellungen zu konsolidieren, wobei sie einigen Berichten zufolge auf die Unterstützung Russlands zählen können. 

Mit der vereinten Kraft des türkischen Militärs, syrischer Islamisten und den etlichen Milizen unter dem Kommando der GNA konnte die Einheitsregierung die letzten südlichen Viertel von Tripolis wiedererobern, nachdem sie wochenlang schwer umkämpft waren. Beide Seiten sollen dabei blutige Verluste erlitten haben. Besonders symbolisch ist der Verlust des Internationalen Flughafens von Tripolis. Während er durch die Zerstörung der Anlage und des Flugfeldes nicht funktionsfähig ist, war er tagelang schwer umkämpft und eines der ersten Ziele der Nationalarmee in der Tripolis-Offensive. Seitdem gab es immer wieder Rückeroberungsversuche, welche letztendlich gelungen sind. Zeitgleich mit dem Flughafen fiel auch die die naheliegende Stadt Qasr ibn Gasher, welche lange Zeit als das Versorgungs- und Nachschubzentrum der LNA galt.

Nach dessen Verlust zog sich die Nationalarmee umgehend aus weiten Teilen der Umgebung zurück und konsolidiert ihre Positionen entlang der Achse Tarhuna-Gharyan. Tatsächlich konnte die LNA mehrere erfolgreiche Gegenangriffe südlich von Gharyan durchführen, dabei mehrere Orte erobern und derzeit gefährlich nahe an die Stadteingänge vordringen. Die Stadt Gharyan liegt etwa 55 Kilometer südlich vom Internationalen Flughafen und war lange Zeit unter der Kontrolle von Haftar, jedoch ging der Orte als eine der ersten in der Tripolis-Offensive an den Gegner verloren. Mit Tarhuna besitzt die LNA eine gesicherte Position, von der sie jederzeit Gegenangriffe in der Region starten könnten – insofern sie den Ort verteidigen können.

Beim Rückzug aus der Region hinterließ die LNA untypischerweise etliche Massen an Minen, IEDs und Sprengmechanismen, die das Vorrücken für die GNA erschwert. Neben einigen erbeuteten Waffen- und Munitionsbeständen fanden sich darin auch Sprengkörper, die relativ eindeutig der russischen Privatarmee „Wagner“ zugeschrieben werden können. Deren ehemalige Präsenz an der Front ist vor allem durch den Abzug von vor zwei Wochen bekannt, in dem sie sich mit einem kilometerlangen Militärkonvoi nach Bani Walid zurückzogen. Auch Russland selber baut ihren Einfluss in der Region aus, angeblich sollen sie in der 2019 eroberten Öl- und Hafenstadt Sirte eine Luftwaffenbasis errichten. Bisher gibt es dafür kaum Belege, jedoch würde dies eine neue Dimension der russischen Beteiligung in Libyen bedeuten. Eine, die man mit Syrien vergleichen könnte.

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Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 90% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Auch Griechenland, Saudi-Arabien und Jordanien unterstützen Ostlibyen. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung erhalten sie in erster Linie von der Türkei, aber auch der Iran und Katar transportierten bereits Waffen und lieferten finanzielle Hilfe. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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