Erster russischer Luftangriff seit zwei Monaten tötet türkischen Soldaten

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Für fast zwei Monate hatte Russland seine militärische Aktivitäten in der letzten, noch von Islamisten kontrollierten Provinz Idlib ausgesetzt, als Folge der zwischen der Türkei und Russland ausgehandelten Waffenruhe und sofortigen Beendigung aller militärischen Operationen in der Region. Dieser Frieden wurde nun mit einem großen Knall beendet: Am Mittwoch kam es zum ersten und einzigen Luftangriff der russischen Luftwaffe in Idlib, bei dessen Ziel es sich um einen militärischen Vorposten der dschihadistischen chinesisch-uigurischen „Islamischen Turkestan-Partei“ handelt, die weite Teile rundum der Stadt Jisr al-Shughour in West-Idlib kontrollieren. Dabei wurde auch ein türkischer Soldat getötet, wie das türkische Verteidigungsministerium offiziell bestätigt. Russlands eigene Initiative ist vor allem Ausdruck der Ungeduld, dass Türkei die in dem Abkommen festgelegten Vereinbarungen wie die Eliminierung islamistischer Kräfte nicht einhält.

Betroffen von der russischen Operation war das Dorf al-Ghassaniyeh, welches südlich der inzwischen zur chinesischen Kolonie entwickelten Stadt Jisr al-Shughour liegt. Der Ort ist insofern relevant, dass er an der M4-Autobahn liegt, welche von Russland und der Türkei als die „Demarkationslinie“ zwischen islamistischen Milizen und der syrischen Regierung festgelegt wurde. Teil dieser Vereinbarung war auch die Entfernung ebendieser Milizen, welche weiterhin größere Areale südlich von M4 kontrollieren. Jedoch hat die Türkei bisher keine Unternehmungen diesbezüglich gestartet, wodurch es gerade aus Russland offizielle Kritik an der Türkei gibt. Außerdem gibt immer wieder gemeinsame türkisch-russische Patrouillen entlang der Autobahn, welche bisher aber nur durch die angespannte Sicherheitslage und andauernden Proteste bis zu einem Drittel befahren wurde. In der Region von Jisr al-Shughour schmieden dschihadistische Kämpfer womöglich aktive Pläne für einen Überfall auf den Konvoi, sollte er sie jemals erreichen.

Ein veröffentlichtes Drohnenvideo zeigt den Moment des russischen Angriffes auf ein Gebäudekomplex direkt an der Straße. Neben dem türkischen Soldaten, welcher als Leutnant Canbert Tatar vom türkischen Verteidigigungsministerium identifiziert wurde, wurden auch bis zu sieben Kämpfer der Islamischen Turkestan-Partei getötet. Die genauen Umstände für den Aufenthalt des türkischen Militärs sind bisher gänzlich ungeklärt, offenbart aber auch nur die ohnehin wenig versteckten Kontakte zwischen türkischer Regierung, Armee und Organisationen zu den etlichen islamistischen Gruppierungen in Idlib, obwohl einige davon (wie z.B. Tahrir al-Sham, ehemals bekannt unter den Namen Fateh al-Sham oder al-Nusra) selber von der Türkei als terroristische Organisation eingestuft werden. Die „Grauen Wölfe“ zum Beispiel haben eine jahrelange Tradition, turkmenische oder generell oppositionelle Gruppen wie die sogenannte „2. Küstenbrigade“ oder Ahrar al-Sham zu unterstützen.

Es gibt ohnehin wenig Hoffnung auf einen langfristigen Frieden, das hat Vergangenheit immer wieder gezeigt. Stattdessen werden Waffenruhen als Pausen von beiden Seiten genutzt, um sich neu zu gruppieren, Verstärkungen an die Frontlinien zu schaffen und neue Stellungen auszuheben. Teil der neuen demilitarisierten Zone ist ebenfalls die Region rundum Latakia und der Stadt Jisr al-Shughour, die inzwischen mehrheitlich von dschihadistischen Gruppierungen aus Tschetschenien, Degestan, Usbekistan oder der chinesischen Xianjiang-Provinz (Uiguren) beherrscht wird. Diese Gruppierungen sind nicht dafür bekannt, sich an zwischenstaatliche Vereinbarungen zu halten und werden alles unternehmen, um weiterhin ihren Dschihad in Syrien ausführen zu können. Dadurch erhält die syrische Regierung wiederum eine neue Legitimation, gegen die Opposition militärisch vorgehen zu können.

Der derzeitige Deal erinnert frappierend an all die Waffenruhen der vergangenen Jahre. So einigten sich Russland und die Türkei beispielsweise 2018 auf eine etwa 15 bis 20 Kilometer breite „demilitarisierte Zone“ entlang der Frontlinien in den Provinzen Idlib, Hama und Aleppo. Diese Pufferzone soll eine militärische Eskalation der derzeitigen Situation in Idlib verhindern. Die Kontrolle sollten dann türkische und russische Patrouillen in einem Gebiet übernehmen, welches vom Latakia-Gebirge bis an die Großstadt Aleppo reichte. Heute ist das Ergebnis offensichtlich: Nach mehrfachen Brüchen und neuen Verhandlungsversuchen kontrolliert die syrische Armee die Hälfte der Provinz Idlib und die Provinz Aleppo inzwischen fast vollständig.

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