Das Ausmaß russischer Beteiligung in Libyen wächst

#111
General Khalifa Haftar in Russland zum Staatsbesuch mit Präsident Putin und Außenminister Lawrow

Die ostlibysche Tobruk-Regierung unter der Führung des Generals Khalifa Haftar und seiner „Libyschen Nationalarmee“ kann seit Jahren auf eine internationale Unterstützung seiner Interessen gegen die von der Türkei abhängigen westlibyschen „Einheitsregierung“ setzen, in erster Linie durch Länder wie Ägypten oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Obwohl nach der schmerzhaften Niederlage und dem faktischen Ende der seit über einem Jahr andauernden Offensive auf die Hauptstadt Tripolis dieses Bündnis ins Wanken gerät, scheint Russland seine Involvierung in den Konflikt auszubauen: In den letzten Tagen wurden erstmals mehrere russische Kampfjets im Land gesichtet, nachdem ein großer Konvoi der russischen Privatarmee Wagner am Boden gefilmt wurde. Sucht die russische Regierung nach Syrien den zweiten Konfliktherd, in dem man aktiv intervenieren könnte?

Zuletzt hat die militärische Präsenz der russischen Luftstreitkräfte im Land erheblich zugenommen. In veröffentlichten Satellitenbildern wurden auf dem zentrallibyschen Luftwaffenstützpunkt al-Jufrah mehrere russische Kampfjets gesichtet, insgesamt soll es sich um acht Flugmaschinen des Typs MiG-29 und der SU-24 handeln. Diese Kampfjets wurden mit einem Zwischenstopp auf dem syrisch-russischen Flughafen al-Hmeimin zur Betankung sogar vom amerikanischen Militär gesichtet und prompt kritisiert. Der genaue Zweck dieser russischen Stationierung ist bisher unklar, jedoch kündigte die Libysche Nationalarmee kurz zuvor eine in der „Geschichte Libyens einzigartige Luft-Bombardierungskampagne“ auf Ziele der Einheitsregierung an, die möglicherweise mit einer aktiven Rolle Russlands von statten gehen können. Das würde eine völlig neue Dimension der russischen Intervention in Libyen darstellen, von einem indirekten Unterstützer zum aktiven Akteur.

Der Abzug aus Süd-Tripolis offenbart vor allem die bereits existierende Präsenz Russlands in dem Konflikt. Auf mehreren Bildern und Videos ist zu sehen, wie Militärkonvois der russischen Privatarmee Wagner mitsamt ihrem Kriegsgerät sich aus der Region zurückziehen, darunter befinden sich auch mindestens vier russische Pantsir-S1-Luftabwehrsysteme. Wahrscheinlich befindet sich dieses System in dem Besitz von Wagner, was zugleich zwei interessante Punkte offenbart: Einerseits sind diese Militärkonvois nicht von türkischen Luft- oder Drohnenangriffen betroffen, die über die Tage hinweg Einheiten der Libyschen Nationalarmee attackiert haben und es dementsprechend wahrscheinlich Absprachen zwischen Russland und der Türkei gibt. Zudem zerstörte die Türkei innerhalb nur einer Woche neun Pantsir-S1-Module, jedoch scheinbar keines in den Händen russischer Söldner. Einige von ihnen wurden per Transportflugzeug aus dem Flughafen von Bani Walid gebracht.

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Von der USA veröffentlichten Satellitenbilder zeigen russische Kampfjets auf al-Jufrah

Schon seit längerem ist die Präsenz russischer Söldner bekannt, jedoch nicht das exakte Ausmaß. Der UN zufolge befinden sich bis zu 1.200 Kämpfer im Land und nehmen selber aktiv an den Gefechten statt. Einigen Meldungen zufolge bildet Wagner zudem auch syrische Freiwillige aus, die im Regierungsterritorium Syriens rekrutiert werden, dafür gibt es aber bisher nur unzureichende Belege. In der Zukunft könnten aber dennoch auf beiden Seiten Syrer für libysche Interessen kämpfen, wodurch das Land zum nächsten internationalen Stellvertreterkrieg nach Syrien wird. Während es sich bei der Privatarmee also nicht um die regulären staatlichen Streitkräfte Russlands handelt, setzt die russische Regierung sie gezielt für die eigenen Interessen in diversen Konfliktgebieten ein, beispielsweise in Syrien, Zentralafrika oder eben Libyen.

Ohnehin war die Anwesenheit Russlands über Jahre hinweg ein Staatsgeheimnis, veränderte die letzte Militäroffensive der westlibyschen Einheitsregierung mit der massiven Unterstützung der Türkei den gegenwärtigen Informationsstand. Nicht nur ist die Präsenz der Wagner-Söldner faktisch bestätigt, sondern auch die etlichen russischen Pantsir-S1-Luftabwehrsysteme, welche in Folge türkischer Drohnenangriffe zerstört oder beschädigt werden konnten, sind ein weiterer Beleg für die hinlänglichen Waffenlieferungen an seine Verbündeten. Augenzeugenberichten zufolge wurde der Wagner-Konvoi aus Tripolis bzw. Bani Walid von vier Pantsir-S1-LKWs begleitet, nachdem in den Tagen zuvor bis zu neun Pantsirs in ganz Libyen zerstört und eine weitere Waffenplattform auf dem Luftwaffenstützpunkt al-Watiyah erbeutet wurde. In der Zukunft könnte das russische Waffenarsenal im Land weiter anwachsen, ebenso wie die Präsenz des russischen Militärs.

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