Islamisten bekämpfen sich in türkisch besetzten Gebiet gegenseitig

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In der syrisch-türkischen Grenzstadt Ras al-Ayn brachen über die vergangenen Tage schwere Kämpfe zwischen zwei islamistischen Fraktionen aus, die die Region kontrollieren. Demnach kam es zu schweren Schusswechseln, nachdem Islamisten eine Frau entführt und vergewaltigt hatten. Derartige Aktionen sind in Nordsyrien inzwischen an der Tagesordnung, seitdem die Türkei mit der Unterstützung ihrer oppositionellen, syrischen Stellvertreter das kurdisch-arabische Milizenbündnis der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) attackierte und im Herbst 2019 weite Teile der Region erobern und beherrschen konnte. Der erneute Ausbruch der Kämpfe ist ein Ausdruck für die anomischen Verhältnisse in jenen Gebieten, in denen die Türkei ihre syrischen Söldner regieren lässt.

Die einst 60.000 Einwohner zählende Stadt Ras al-Ayn gehörte zu den ersten Zielen der türkischen Militäroffensive im Nordosten Syriens und konnte nach einer elf Tage anwährenden Belagerung von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) erobert werden. Nach dessen Eroberung begann man direkt mit der Umsiedelung syrischer Flüchtlinge in die Stadt, nachdem man die bedeutende Minderheit der Kurden vertrieb und damit den demographischen und ethnischen Wandel in der Region forcierte. Das ehemalige Eigentum der Kurden wie Häuser, Wohnungen oder Geschäfte wurde entweder Flüchtlingen oder jenen Familien übergeben, die Mitglieder der sogenannten „Syrischen Nationalarmee“ besitzen. In Wirklichkeit ist die Nationalarmee aber nicht mehr als ein loser Zusammenschluss etlicher islamistischer, pro-türkischer Milizen wie Ahrar al-Sharqiyah, Sultan Murad, Hamza-Division, Jabhat al-Sharqiyah usw.

Genau zwischen diesen Organisationen brach am Sonntag ein Gefecht in Ras al-Ayn aus, nachdem die Miliz Suquor al-Shammal eine Frau aus der ostsyrischen Provinz Deir ez-Zor kidnappte, sie angeblich vergewaltigte und zudem für ihre Freilassung ein Lösegeld von der Familie verlangte. Entführungen und die damit verbundenen Lösegeldforderungen sind nichts ungewöhnliches und werden seit Jahren in den von der Türkei besetzten Gebieten wie al-Bab oder Afrin genutzt, um billig an Geld zu kommen. Gegenmaßnahmen seitens der türkischen Regierung gab es dagegen nicht. Kämpfer von Ahrar & Jaish al-Sharqiyah versuchten diese Frau wiederum zu befreien, womöglich aufgrund der Stammeszugehörigkeit der Frau. Stämme und Stammesbeziehungen haben insbesondere im Osten des Landes weiterhin eine wichtige Bedeutung und ersetzen teilweise staatliche Institutionen.

Während diese Gefechte auf der offenen Straße ausgetragen werden, gibt es nur ungenaue Berichte von Verletzten oder Toten. Bereits vor einer Woche kam es in Ras al-Ayn zu Gefechten zwischen Ahrar al-Sharqiyah und der Hamza-Division, angeblich über die genaue Verteilung von konfiszierten Eigentum. In dem selben Zeitraum kam es in den Dörfern Ahras, Sawda und Laylan zu Plänkeleien zwischen verschiedenen islamistischen Gruppen wie die Mutasim-Brigade oder Sultan Murad. Neben den regelmäßigen Entführungen und Gefechten ist die grassierende Gesetzeslosigkeit ebenfalls Ausdruck der archaischen Verhältnisse. Vor zwei Tagen bombardierte die USA in Süd-Afrin einen Personenkonvoi, welches aus dem ehemaligen IS-Kommandanten für die Provinz Hama, Abu Zaki Taybani, bestand. Nicht nur für den Islamischen Staat gilt die Region als Zufluchtsort, auch andere terroristische Organisationen wie al-Qaida besitzen vor Ort Einfluss.

Ohnehin gilt das von der Türkei verwaltete Gebiete um Jarablus und al-Bab als ein Hort der Korruption und Plänkeleien zwischen den verschiedenen Gruppierungen. Ahrar al-Sharqiyah gehört zu den dschihadistischen Organisationen innerhalb des türkischen Machtgebietes und sind innerhalb Afrins durch die Zerstörung eines Spirituosengeschäfts oder dem Singen von islamistischen Liedern ins Rampenlicht getreten. Dieser Vorfall ist nur eines der vielen Beispiele in Nordsyrien, wie die Herrschaft der ineinander verfeindeten und verschiedene Ziele verfolgenden Opposition aussieht, besonders islamistische Kräfte verursachen derartige Eskalationen. Besonders die Einwohner in Afrin und Nord-Syrien leiden darunter, zuvor konnten sie in relativer Stabilität und Freiheit unter der Kontrolle der kurdischen Volksverteidigungseinheiten bzw. Syrischen Demokratischen Kräfte leben.

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