Einheitsregierung erringt entscheidenden Sieg in Libyen

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Die Einnahme des westlibyschen Luftwaffenstützpunktes al-Watiyah bedeutet für die ostlibysche Torbuk-Regierung und der mit ihnen verbündeten „Libyschen Nationalarmee (LNA) unter der Führung von Khalifa Haftar eine entscheidende Niederlage und wahrscheinlich auch ein Ende der seit über einem Jahr andauernden Militäroffensive auf die Hauptstadt Tripolis, welche zusammen mit umliegenden Orten von der sogenannten „Einheitsregierung“ (GNA) unter Premierminister Fayiz al-Sarraj kontrolliert werden. Der Verlust des Stützpunktes geht mit der erfolgreichen Intervention der Türkei zugunsten der Einheitsregierung einher, welche massive personelle und materielle Unterstützung bereitstellen, sogar eigene Kriegsschiffe einsetzen. Bei der Eroberung von al-Watiyah konnten sie ein russisches Luftabwehrsystem aus den Beständen der Vereinigten Arabischen Emirate auf einem deutschen LKW-System erbeuten. Bereits heute kündigte die LNA an, sich aus einigen Gebieten in Tripolis zurückzuziehen.

Es war ein großer Paukenschlag, als die in Tripolis befindliche Einheitsregierung am Montag die Eroberung des al-Watiyah-Flughafens, rund 50 Kilometer von der libyschen Küste entfernt, verkündete. Dem vorausgegangen waren über mehrere Wochen hinweg erfolglose Versuche, die Basis zu erobern. Auf dem Flugplatz selber kam es wohl zu keinen Gefechten, GNA-Truppen konnten al-Watiyah kampflos betreten und dort allerlei Kriegsgerät erbeuten.  Derzeit finden weitere Operationen in den umliegenden Dörfern von al-Watiyah statt, um die LNA vollständig aus der Region zu vertreiben und um jeglichen Gegenangriffen vorzubeugen.

Im Militärflughafen selber konnte die Einheitsregierung große Mengen an Kriegsmaterial gewinnen, welches bei dem Rückzug der Haftar-Armee zurückgelassen wurde. Neben regulären Waffen und einigen Fahrzeugen wurden auch mehrere Kampfjets des Typs SU-22 und einige Mi-24-Kampfhelikopter erbeutet, welche jedoch nicht funktionstüchtig sind dementsprechend auch nicht von der LNA zerstört wurden. Besonders einzigartig ist aber ein gefundenes russisches Pantsir-S1-Luftabwehrsystem, welches aus ehemaligen Armeebeständen der Vereinigten Arabischen Emirate stammt. Der dazugehörige LKW-Chassis mit dem Namen Man-SX 45 stammt hingegen aus Deutschland. Der genaue Zustand des Waffensystems ist unbekannt, zumindest gibt es keine äußeren Schäden. Das Pantsir-S1 wurde daraufhin nach Tripolis transportiert und könnte womöglich der Türkei übergeben werden.

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Pantsir-S1 auf dem Märtyrerplatz in Tripolis

Es handelt sich um den ersten großen militärischen Erfolg, den die GNA seit der türkischen Intervention verzeichnen kann. Die Rolle des türkischen Militärs war dabei enorm: Nicht nur schufen sie die Ausgangsbedingungen für eine erfolgreiche Offensive auf al-Watiyah indem sie die Küstenstädte weiter nördlich mithilfe von zwei Kriegsschiffen und einer großen Drohnenflotte wiedererobern konnten, sondern auch während der Operation massive Unterstützung leisteten. Bei dem Angriff sollen syrische Söldner involviert gewesen sein, welche von der Türkei direkt finanziert, ausgerüstet und kontrolliert werden. Zudem wurden die Nachschub- und Versorgungslinien der Libyschen Nationalarmee ständig von türkischen Drohnen attackiert, so wurden mehrmals mehrere Militärkonvois bzw. Fahrzeuge bombardiert, darunter angeblich auch mindestens zwei Pantsir-S1-Abwehrsysteme, welche al-Watiyah vor diesen anhaltenden Drohnenangriffen beschützen sollten. 

Der Verlust der Luftwaffenbasis könnte schwerwiegende Konsequenzen für die Situation in Libyen haben. Nicht nur kann die LNA damit effektiv keine Drohnen und Kampfjets gegen das Kernterritorium der Einheitsregierung in Tripolis und Misrata einsetzen, sondern die Basis könnte auch zukünftig von der Türkei selber benutzt werden, welche dadurch schwerere Drohnen wie die TB2 oder Anka-S im Land ohne Gefahr einsetzen können. Sogar eigene Kampfjets wären eine Option, zudem müssten viele der Waffenlieferungen dadurch nicht mehr über den Seeweg, sondern wie im Falle der Tobruk-Regierung über den Luftweg erfolgen. Der Pressesprecher der Nationalarmee kündigte bereits einen „taktischen Rückzug“ von den Tripolis-Frontlinien an, womit wohl ein inoffizielles Ende der Tripolis-Offensive eingeleitet wird.

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Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 90% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Auch Griechenland, Saudi-Arabien und Jordanien unterstützen Ostlibyen. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung erhalten sie in erster Linie von der Türkei, aber auch der Iran und Katar transportierten bereits Waffen und lieferten finanzielle Hilfe. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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