Immer mehr Syrer kämpfen in Libyen

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Libysches Transportflugzeug durch türkische Drohnenangriffe zerstört

Im Westen Libyens dauern die schweren Gefechte zwischen der „Libyschen Nationalarmee“ (LNA) unter der Führung der ostlibyschen Tobruk-Regierung und dem General Khalifa Haftar und den verschiedenen Milizen unter dem Schirm der sogenannten „Einheitsregierung“ (GNA), welche nur noch ein kleines Gebiet im Nordwesten des Landes kontrollieren, weiter an. Nachdem Haftar offiziell ein Ende des libyschen UN-Friedensabkommens verkündete, scheint das Land in einen endlosen Krieg zwischen den zwei Fraktionen zu rutschen, an dessen Ende es nur einen militärischen Sieg geben kann. Während es neue Gerüchte darüber gibt, dass immer mehr Syrer auf beiden Seiten kämpfen, verkündete die LNA eine neue Militäroperation in der Hoffnung, die derzeitigen Verluste revidieren zu können.

In der Nähe der tunesischen Grenze rücken verschiedene Milizen der Einheitsregierung auf den strategisch äußerst wichtige Watiyah-Flughafen vor, der derzeit von der Nationalarmee kontrolliert und genutzt wird. Derzeit befinden sie sich etwa acht Kilometer vor den Toren der Militärbasis, aufgrund des wüstenreichen Terrains aber sind die umliegenderen Gebiete schwer zu verteidigen bzw. zu halten. Durch diese Luftwaffenbasis kann die Tobruk-Regierung den Luftraum über Ostlibyen kontrollieren bzw. Nachschubwege erheblich verkürzen. Die Türkei zeigte bereits in der Vergangenheit daran Interesse, den Flughafen im Falle einer Wiedereroberung für die eigenen Drohnen zu nutzen. Dadurch würde die gesamte Militäroperation im Osten des Landes gefährdet werden.

Diese türkischen Drohnen konnten in den vergangenen Wochen erhebliche Schäden zufügen, so wurde beispielsweise auf mehreren Flughäfen Kampfjets oder Transportflugzeuge der libyschen Luftwaffe bombardiert und teilweise zerstört. Als Reaktion rief ein Pressesprecher der LNA eine neue Militäroperation am Mittwoch aus. Diese soll die Eroberung von Tripolis und Misrata, den letzten zwei Hochburgen der Einheitsregierung und ohnehin erklärtes Operationsziel seit April 2019, beinhalten und wurde mit mehreren schweren Bombardements auf den Flughafen von Misrata eingeleitet. Dabei wurden mehrere Munitionslager getroffen und erhebliche materielle Schäden verursacht, auch da Misrata als Ausgangsbasis der türkischen Streitkräfte im Land genutzt wird. Ob diese Militäroffensive aber auch tatsächliche Erfolge verbuchen wird, wird die Zeit zeigen. Zumindest schickte die Nationalarmee Reserven an die Frontlinien.

Derweil mehren sich die Gerüchte, dass die Libysche Nationalarmee inzwischen auch syrische Kämpfer einsetzt. Die dafür genutzten Söldner sollen in erster Linie ehemalige Rebellen aus Südsyrien sein, welche in den letzten Jahren die Generalamnestie der Regierung akzeptierten und dadurch auf Seiten des syrischen Militärs in den Kampf zogen. Diese sollten dann durch Russland bzw. der russischen Privatarmee Wagner rekrutiert und organisiert werden, sodass sie in Libyen gegen die Einheitsregierung und die mit ihnen verbündeten Syrer eingesetzt werden können. Einige Schätzungen reichen sogar auf bis zu 300 solcher Kämpfer, die von Wagner ausgebildet und eingesetzt werden. Beweise existieren für solche Berichte bisher nicht, dennoch stellten die Regierungen von Westlibyen und Syrien vor kurzem ihre diplomatische Beziehungen wieder her. Ein weiterer Indikator ist der zunehmende Luftverkehr zwischen Damaskus und Bengasi, welche vor allem von kasachischen Fluglinien genutzt werden.

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Seit Monaten sind die Frontlinien relativ unverändert

Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 90% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Auch Griechenland, Saudi-Arabien und Jordanien unterstützen Ostlibyen. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung erhalten sie in erster Linie von der Türkei, aber auch der Iran und Katar transportierten bereits Waffen und lieferten finanzielle Hilfe. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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