Ping-Pong um Tripolis

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Vor etwa einer Woche sah es danach aus, dass die Milizen der sogenannten „Einheitsregierung“ (GNA) mit ihrem Hauptsitz in Tripolis erfolgreich gegen „Libysche Nationalarmee“ (LNA) unter der Führung von Khalifa Haftar bzw. der ostlibyschen Tobruk-Regierung vorrücken und verloren gegangene Gebiete wiedererobern würde. Vorübergehend bestand sogar die Wahrscheinlichkeit, sämtliche Gebietsgewinne der Nationalarmee über ein Jahr zu revidieren und damit die Schlacht um Tripolis für sich entscheiden zu können. Nun aber hat sich das Blatt wieder gewendet und die LNA befindet sich auf dem Vormarsch. Dieses Ping-Pong-Prinzip ist federführend für den libyschen Konflikt und stärkt dabei die internationalen Akteure im Krieg, allen voran die Türkei und den Vereinigten Arabischen Emirate.

Die anfangs der letzten Woche begonnene Gegenoffensive der Einheitsregierung sah zunächst vielversprechend aus, konnte sie mehrere Küstenstädte westlich von Tripolis wiedererobern und gefährlich nahe auf die Watiyah-Luftwaffenbasis weiter südlich vorrücken. Auch nördlich der Stadt Tarhuna konnten die Milizen der Einheitsregierung neue Gewinne erzielen und ein größeres Gebiet unter ihre Kontrolle bringen. Es sah vorübergehend danach aus, dass die LNA jegliche Geländegewinne über den Verlauf des letzten Jahres verlieren würde, jedoch konnte eine erfolgreiche Abwehr in Watiyah und Tarhuna aufgestellt werden, die mit der Unterstützung der eigenen Luftwaffe die Operation der GNA vorerst aufhalten konnte.

Im Falle von Tarhuna konnte man sogar eine partiell erfolgreiche Gegenoffensive starten, die etwa einen Tag die wichtige Landverbindung zwischen den letzten zwei Hochburgen der Einheitsregierung Tripolis und Misrata blockieren konnte. Diese schnellen Erfolge waren aber ebenso schnell revidiert, sodass es nun wieder zu einem Stillstand gekommen ist. Dieses Hin und Her ist seit Anbeginn der Offensive im April 2019 prägend für den Kriegsschauplatz Libyen und zeugt von der gleichwertigen Militärmacht zwischen den zwei Fraktionen. Dabei konnte die Nationalarmee auch erfolgreich die aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gelieferten Luftabwehrsysteme gegen türkische Drohnen einsetzen. Demnach wurden etwa drei Aufklärungsdrohnen in den vergangenen 48 Stunden über Tarhuna zerstört.

Derweil verbreiten türkische Medien basierend auf den Meldungen des GNA-Innenministers das Gerücht, dass die mit Haftar verbündete, russische Privatarmee „Wagner“ Giftgas in Tripolis verwendet hätten. Als einziger Beweis dafür ist der Bericht, dass zwei Milizionäre mit Atemproblemen in ein Krankenhaus gebracht wurden. Während die Präsenz der Wagner-Armee in Libyen als durchaus wahrscheinlich gilt, gibt es keinerlei Belege von Giftgaseinsätzen in der Vergangenheit oder Gegenwart. Stattdessen versucht sich die Türkei in jenen Diffamierungsversuchen, die bereits in Syrien verwendet wurden. Zudem wird versucht zu betonen, dass Haftars militärische Kraft lediglich auf ausländische Kräfte beruht.

Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 90% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Auch Griechenland, Saudi-Arabien und Jordanien unterstützen Ostlibyen. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung erhalten sie in erster Linie von der Türkei, aber auch der Iran und Katar transportierten bereits Waffen und lieferten finanzielle Hilfe. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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