In Idlib wird die Waffenruhe brüchig

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Russisch-türkische Militärpatrouillen werden regelmäßig von Islamisten bedroht

Trotz einer größtenteils eingehaltenen Waffenruhe in der letzten, noch von Islamisten kontrollierten Provinz Idlib kommt es in den vergangenen Tagen und Wochen vermehrt zu einzelnen Scharmützeln und Luftangriffen. Derzeit mehren sich die Gerüchte, dass die Syrisch-Arabische Armee im kommenden Zeitraum eine neue Militäroperation starten könnte, die die Eroberung jener Gebiete in Idlib vorsieht, die ihnen durch die Waffenruhe zugesprochen wurden. Doch auch fernab der Frontlinien nimmt die Gewalt zu, zwischen Islamisten und türkischen Truppen gibt es erhebliche Spannungen, die jederzeit in einer Gewaltspirale münden und die türkischen Ambitionen in Syrien gefährden könnte. Außerdem desertieren von den USA ausgebildete und finanzierte Aufständische in Südsyrien zur syrischen Regierung.

In Süd-Idlib kam es in den vergangenen Wochen zu vermehrten Gefechten, Luft- und Drohnenangriffen durch Russland und der syrischen Regierung, welche scheinbar jene Gebiete südlich der M4-Autobahn ins Visier nehmen, die ihnen in Folge der Verhandlungen zwischen Russland und der Türkei zugesprochen wurden. Jedoch kontrollieren islamistische Milizen weiterhin die Region und verhindern somit eine effektive Durchsetzung der Waffenruhe. Aufgrund dessen gibt es nun immer mehr Meldungen, dass Artillerie der Armee vereinzelt Siedlungen angreift oder die ansonsten eher selten verwendeten Drohnen Militärkonvois der Aufständischen attackiert. Ein Ziel dieser Bombardements war wohl der oppositionelle Kämpfer Maher Kojak, welcher für die effektive Verwendung amerikanischer Panzerabwehrwaffen (TOWs) berühmt ist. Durch ihnen sollen über den Verlauf des syrischen Konfliktes bis zu 150 Fahrzeuge der syrischen Streitkräfte zerstört worden sein.

Im Bündnis zwischen türkischer Armee und den verschiedenen islamistischen Fraktionen in der Provinz Idlib zeigen sich immer mehr Risse. Bereits drei Mal unternahmen türkische und russische Truppen eine gemeinsame Militärpatrouille entlang der M4-Autobahn, welche in Folge der letzten Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Türkei als neue Demarkationslinie deklariert wurde. Nicht nur werden diese Konvois immer wieder blockiert und aufgehalten, sondern russische Fahrzeuge auch von Zivilisten mit Steinen oder Molotow-Cocktails angegriffen. Inbesondere in den radikaleren Elementen der Opposition wird auch der Unmut gegenüber der Türkei laut und den etlichen türkischen Soldaten in Idlib inzwischen öffentlich gedroht.

Mehrmals kam es zu Zusammenstößen zwischen türkischen Soldaten und Anhängern der radikalislamistischen Gruppierung Tahrir al-Sham (ehemals bekannt unter den Namen Fateh al-Sham und Jabhat al-Nusra), die den türkischen Kovnois den Weg versperrten. Einige der Blockaden wurden von der türkischen Militärpolizei und pro-türkischen Oppositionellen mithilfe von Tränengas gewaltsam geräumt, als Reaktion verhaftete Tahrir al-Sham 10 Kämpfer der pro-türkischen Miliz Faylaq al-Sham. Seitdem wird türkischen Soldaten von den eigentlich mit ihnen verbündeten Islamisten mit dem Tod gedroht, jederzeit könnte der wackelige Frieden zwischen den beiden Seiten zusammenbrechen.

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Einige der Deserteure mitsamt mitgenommenen Waffen & Fahrzeugen

Auch in Südsyrien kam es zu neuen Entwicklungen. In einem ungewöhnlichen Vorfall desertierten Dutzende Kämpfer der „Revolutionären Kommandoarmee“ (besser bekannt unter dem ehemaligen Namen „Neue Syrische Armee“). Schätzungsweise 35 Aufständische flohen mitsamt Waffen und mehreren Pick-Ups nach Palmyra, wo sie von der Syrisch-Arabischen Armee zunächst festgenommen und verhört wurden. Die Kommandoarmee stammt aus der syrischen Wüste, dort bewachen sie mit amerikanischen, britischen und norwegischen Truppen den syrisch-irakischen Grenzübergang al-Tanf unter dem Vorwand, „die erneute Ausbreitung des Islamischen Staates“ in der Region zu verhindern. Faktisch aber wird dadurch eine direkte Landverbindung zwischen Syrien und dem Irak bzw. zwischen dem Iran und Libanon verhindert, um somit das proklamierte Ziel eines „schiitischen Halbmondes“ im Nahen Osten zu verhindern.

Zwar konnte die syrische Armee vor mehreren Jahren den Grenzübergang zwischen Abu Kamal und al-Qaim in Ostsyrien erobern, jedoch ist dieser Weg aufgrund der fortbestehenden Präsenz und Überfällen von IS-Kämpfern gefährlich, zudem kommt es immer wieder zu israelischen Luftangriffen auf Abu Kamal. Al-Tanf hingegen wurde von einer einfachen Wüstensiedlung zu einer großen Militärbasis ausgebaut, über Jordanien schickt die USA Truppen und Ausrüstung für ihre syrischen Stellvertreter. Nun wirft ein Pressesprecher der Kommandoarmee den Deserteuren vor, dass es sich bei ihnen lediglich um Schmuggler handelt. Tatsächlich fußt die Gründungsgeschichte der Gruppierung auf Schmuggelei, so ist z.B. ihr Anführer Muthana Talaa vor dem Krieg im Zigarettenschmuggel tätig gewesen, dementsprechend werden auch in den eigenen Reihen viele Schmuggler zu finden sein. Dennoch fehlen für die Anschuldigungen bei den Deserteuren Belege. Klar ist jedoch, dass es ein herber Verlust für die Kommandoarmee und USA darstellt, welche nicht mal Stellvertreter in ihren US-Militärbasen kontrollieren kann.

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