Türkei kündigt Offensive gegen die syrische Armee an

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In den vergangenen Wochen hat sich die Lage in der letzten, noch von Islamisten kontrollierten Provinz Idlib erheblich zugespitzt, seitdem die türkische Regierung militärisch aktiv intervenierte und selber an Gefechten mithilfe von Artillerie, Kampfjets und Drohnen teilnimmt, um Idlib vor der vollständigen Eroberung durch die Regierung zu bewahren. Inzwischen ist klar, dass inbesondere die etlichen Drohnenangriffe auf Stellungen der Syrisch-Arabischen Armee (SAA), aber auch auf die Hisbollah und andere Milizen, zu erheblichen Verlusten geführt haben und man dementsprechend jegliche Initiative in der Idlib-Offensive verloren hat, teilweise sogar zurückgedrängt wird. Nun kündigt die Türkei offiziell die „zweite Phase“ mit einer Großoffensive gegen das syrische Militär an, um sie aus den neu eroberten Territorien zu verdrängen. Besonders Russland verhält sich in den letzten Tagen verdeckt.

Unklarheit herrscht über die genauen Pläne der angekündigten Militäroffensive, welche beim Ablauf des Ultimatums (Abzug aller syrischer Truppen aus den seit Dezember eroberten Gebieten, also Halb-Idlib) gestartet wurde. In der vergangenen Nacht ist diese Frist abgelaufen, seitens der Türkei gab es aber keine wirklichen Aktionen. Ein möglicher Faktor dafür könnte es sein, dass russische Kampfjets nach einer achtstündigen Pause um Mitternacht wieder im syrischen Himmel patrouillierten. Dennoch kündigte das türkische Verteidigungsministerium eine Operation gegen das syrische Militär unter dem Namen „Operation Spring Shield“ an, womöglich eine Referenz an die damals gegen den Islamischen Staat gestartete Offensive „Euphrates Shield“. Ziel ist die Verdrängung der syrischen Streitkräfte aus der Provinz Idlib. Ob sich diese Operation auch mit eigenen aktiven Bodentruppen materialisieren wird, wird die Zeit beantworten.

Der offiziellen Ankündigung einer militärischen Großoffensive sind mehrere Wochen mit türkischen Bombardements und Drohenangrifen vorausgegangen. Dutzende Fahrzeuge und eine ebenso hohe Anzahl an Soldaten wurden vernichtet, nachdem die Türkei inzwischen ohne Probleme in der Region Idlib und darüber hinaus mit Kampfjets und Drohnen den Luftraum beherrscht und es auch seitens Syriens oder Russlands keine Versuche gibt, dies zu unterbinden, obwohl man über die benötigte Luftabwehr verfügt. Es gab sogar Berichte von der Zerstörung eines russischen Pantsir-1-Luftabwehrsystems nahe Aleppo, jedoch stellten sich die veröffentlichten Drohnenaufnahmen als türkische Militäraktion in Libyen heraus.

Auf dem Boden sieht die gegenwärtige Situation für die SAA ähnlich pessimistisch aus. Durch diese wochenlangen Aktionen wurde die Armee von jeglicher Initiative beraubt, an der östlichen Front mussten sie die strategisch sehr günstig gelegene Stadt Saraqib und umliegende Dörfer aufgeben, nun scheint sich dieses Szenario in Süd-Idlib zu wiederholen: Nachdem man innerhalb von nur weniger Tage ganze Regionen wie al-Ghab, das Zawiyah-Hochland oder den Shahsbo-Berg erobert werden, muss sich die syrische Armee inzwischen aus vereinzelten Dörfern unter hohen Verlusten wieder zurückziehen. Selbst die Hisbollah vermeldet sieben getötete Kämpfer durch einen Luftangriff auf einen ihrer Konvois, ihre Leichen wurden inzwischen in Libanon bestattet. Dies führt auch zu Spannungen zwischen der Türkei und Iran, welche traditionell gute Beziehungen pflegen.

Am Sonntag kam es zum ersten Mal zum Abschuss einer türkischen Aufklärungsdrohne des Typs Anka-S, was somit auch die erste potentielle Luftabwehraktion seitens der syrischen Regierung darstellt. Nun ist aber unklar, wer genau die Drohne abschießen konnte. Neben der Armee behaupten auch Islamisten, das Luftfahrzeug erfolgreich vom Himmel geholt zu haben, jedoch gingen sie ursprünglich von einem syrischen Kampfjet aus. Dabei setzten sie schultergestützte Luftabwehrraketen (MANPADS) aus türkischer Produktion ein, was ein besonderes Debakel für die Türkei darstellen würde und bereits früh aufzeigt, welche Probleme darin bestehen, islamistische Milizen mit derartigen Waffen ohne Training auszurüsten. In einem möglichen Zusammenhang verkündete das syrische Verteidigungsministerium Idlib zu einer No-Fly-Zone, fremde (sprich türkische) Luftfahrzeuge werden dementsprechend abgeschossen.

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Islamisten feiern den Abschuss einer türkischen Drohne, da sie sie für syrisch oder russisch halten

In den vergangenen Wochen hat die Türkei massiv in der Provinz Idlib aufgerüstet und ihre Aggressionen gegenüber der syrischen Regierung verstärkt. Tausende Soldaten und etliche Militärfahrzeuge überquerten die syrisch-türkische Grenze, um an den Frontlinien Präsenz zu zeigen und damit ein weiteres Vorrücken der syrischen Armee aufzuhalten, mit Erfolg. Inzwischen intervenierte die Türkei sogar direkt in die Gefechte, unter anderem durch den Einsatz von mehreren Artillerie-, Raketen- und Luftabwehrsystemen. Die syrische Reaktion ließ nicht lange auf sich warten und so wurden bereits mehrfach türkische Militärkonvois bombardiert, die bisher zu über 50 getöteten türkischen Soldaten geführt haben. Zudem wurden mehrere Militärbasen der Türkei erfolgreich in den Provinzen Idlib und Aleppos eingeschlossen, wodurch sie sich in „Geiselnahme“ befinden. Die Türkei stellte der syrischen Regierung bis Ende Februar ein Ultimatum, sich aus den neu eroberten Gebieten in Idlib zurückzuziehen, ansonsten werde man einen militärischen Gegenangriff starten.

Die kurz vor Weihnachten gestartete Offensive im Südosten Idlibs der syrischen Armee stellt der eigenen Darstellung zufolge die „zweite Phase“ der Idlib-Offensive dar, nachdem es im Mai zur ersten größeren Operation in Nord-Hama gekommen ist und in dessen Folge mehrere wichtige Städte wie Khan Sheikhoun erobert wurden. Zu den wichtigsten Zielen dieser Phase zählt die vollständige Eroberung der M5-Autobahn, welche Aleppo und Damaskus miteinander verbindet, der zweitgrößten Stadt Idlibs namens Maraat al-Numan und Sicherung der Vororte Aleppos. Dies entspricht etwa einem Drittel des gesamten, von der Opposition gehaltenen Territoriums in Idlib.  Gebiete südlich erweitert.

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