Türkei schießt 2 syrische Helikopter in Idlib ab

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Türkische Artillerie interveniert inzwischen teilweise direkt in die Gefechte in Syrien

In der letzten, noch von Islamisten kontrollierten Provinz Idlib spitzt sich die Lage weiter erheblich zu, nachdem die Syrisch-Arabische Armee (SAA) und Alliierte in der Region immer weiter vorrücken können, während die Türkei mit tausenden Soldaten, hunderten Militärfahrzeugen und dutzenden Militärbasen ihre Präsenz in Idlib immens ausbaut. Diese Konfrontation fand bisher in dem Abschuss zweier syrischer Kampfhelikopter ihren Höhepunkt, welche innerhalb von nur drei Tagen durch das türkische Militär eliminiert werden konnten. Trotz der Drohgebärden Erdogans und intensivierten Bemühungen, die Armeeoffensive gewaltsam aufhalten zu wollen, können die syrischen Streitkräfte in der Provinz Aleppo neue Gebiete erobern, auch mit der Unterstützung kurdischer Kämpfer.

Zunächst wurde beim Abschuss des ersten Helikopters vermutet, dass Aufständische ihn mithilfe neuer türkischer Waffenlieferungen in Form von MANPADS von der Luft holten. Das würde ein Novum im syrischen Konflikt bedeuten, da derartige Waffen auch gegen den zivilen Flugverkehr eingesetzt werden könnten und selbst die USA es in den ersten Kriegsjahren ablehnte, die Rebellen damit zu bewaffnen. Jedoch zeigt ein später veröffentlichtes Video, dass die Boden-Luft-Rakete wohl eher durch einen türkischen Soldaten in einem ihrer Militärbasen in Idlib gestartet wurde, welches wiederum eine direkte Konfrontation zwischen Syrien und Türkei bedeutet. Beim zweiten Abschuss ist die Beweislage sogar noch erdrückender, da sowohl die syrische Regierung, als auch Russland davon überzeugt sind, dass ein Luftabwehrgeschütz in einer türkischen Basis nahe der Stadt Darat Izzah den Helikopter des Typs Mi-8 abgeschossen hatte.

Insbesondere im Westen der Provinz Aleppo kommt es weiterhin zu schweren Gefechten zwischen syrischer Armee und Islamisten, während die Frontlinien an anderen Abschnitten (unter anderem in Idlib) eher still geworden sind. Dort rückt die SAA tagtäglich weiter vor und kann etliche Vororte der Millionenstadt Aleppo erobern, von Süden aus kann man die über Jahre hinweg aufgebauten Verteidigungspositionen im Westen Aleppos direkt umgehen und somit die Aufständischen effektiver besiegen. Zudem befindet man sich dort 21 Kilometer vom einzigen syrisch-türkischen Grenzübergang unter islamistischer Kontrolle entfernt. Außerdem würde eine Eroberung der Vororte Aleppo vollständig schützen, welches in der Vergangenheit immer wieder Raketenangriffen ausgesetzt war.

Um dies zu verhindern, starteten Islamistische Kampfverbände mehrere Gegenangriffe, beispielsweise westlich der Stadt Kafr Halab, etwa 20 Kilometer südwestlich von Aleppo. Durch die Unterstützung der russischen Luftstreitkräfte und Minenfeldern konnte dieser Angriff erfolgreich abgewehrt werden, dabei wurden sogar drei APV-15, erst vor wenigen Tagen von der Türkei übergebende Militärfahrzeuge, zerstört. Auch etliche weitere Fahrzeuge und Selbstmordattentäter konnten eliminiert werden, bevor sie ihr Ziel erreichten. Jedoch muss die syrische Armee auch mit Verlusten rechnen, da Islamisten unter anderem mit neuen Antipanzerraketen ausgerüstet wurden.

Dennoch kann die syrische Armee weiter in West-Aleppo vorrücken, inzwischen wurde auch weiter nördlich von den Städten Nubl und Zaahra eine weitere Frontlinie geöffnet, diese wiederum wird auch von einigen Einheiten der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und Afrin-Befreiungsfront (HRE) unterstützt. Die wenigen kurdischen Verbände, die vor der kompletten Übernahme von Afrin fliehen und eine neue Basis in der Region von Tel Rifaat errichten konnten, kooperieren seit jeher eng mit der syrischen Regierung zusammen, die sie auch schützt und mit eigenen Institutionen vor Ort ist. Bereits 2016 führte man eine gemeinsame Offensive gegen islamistische Milizen im Norden von Aleppo, an dessen Ende sogar Orte untereinander ausgetauscht wurden.

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Bild des zweiten abgeschossenen Helikopters

In den vergangenen Wochen hat die Türkei massiv in der Provinz Idlib aufgerüstet und ihre Aggressionen gegenüber der syrischen Regierung verstärkt. Tausende Soldaten und etliche Militärfahrzeuge überquerten die syrisch-türkische Grenze, um an den Frontlinien Präsenz zu zeigen und damit ein weiteres Vorrücken der syrischen Armee aufzuhalten, bisher aber ohne Erfolg. Inzwischen intervenierte die Türkei sogar direkt in die Gefechte, unter anderem durch den Einsatz von mehreren Artillerie-, Raketen- und Luftabwehrsystemen. Die syrische Reaktion ließ nicht lange auf sich warten und so wurden bereits mehrfach türkische Militärkonvois bombardiert, die bisher zu 13 getöteten türkischen Soldaten geführt haben. Zudem wurden mehrere Militärbasen der Türkei erfolgreich in den Provinzen Idlib und Aleppos eingeschlossen, wodurch sie sich in „Geiselnahme“ befinden.

Die kurz vor Weihnachten gestartete Offensive im Südosten Idlibs der syrischen Armee stellt der eigenen Darstellung zufolge die „zweite Phase“ der Idlib-Offensive dar, nachdem es im Mai zur ersten größeren Operation in Nord-Hama gekommen ist und in dessen Folge mehrere wichtige Städte wie Khan Sheikhoun erobert wurden. Das genaue Ziel der derzeitigen Offensive ist nicht klar, Gerüchten zufolge soll aber die zweitgrößte Stadt der Provinz, Maraat al-Numan, und sämtliche Gebiete östlich der M5-Autobahn, welche Hama und Aleppo miteinander verbindet, gesichert werden. Dies entspreche etwa einem Drittel des gesamten, von der Opposition gehaltenen Territoriums in Idlib. Ebenso unsicher ist es, ob die Militäroffensive weitergeführt wird, oder es erneut zu einer mehrmonatigen Pause kommt. Das nächste Ziel könnten sämtliche Gebiete südlich der M4-Autobahn sein, welche von Latakia bis nach Aleppo verläuft.

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