Türkei schickt hunderte Militärfahrzeuge nach Idlib

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Die Syrisch-Arabische Armee (SAA) und alliierte Gruppierungen stehen kurz davor, das offen kommunizierte, primäre Ziel der gegenwärtigen Idlib-Offensive zu erreichen, die Eroberung sämtlicher Territorien östlich der M5-Autobahn, welche die Großstädte Aleppo und Hama miteinander verbindet. Nur noch wenige Dörfer in der Provinz Aleppo fehlen, bis man die Fernstraße vollständig unter die eigene Kontrolle bringen kann. Derweil versucht die Türkei, einen neuen Verteidigungsring mithilfe eigener Militärbasen in der letzten, noch von Islamisten kontrollierten Provinz Idlib zu errichten, um damit das Vorrücken der Armee aufzuhalten. Mit der Eroberung der strategisch wichtigen Städte Maraat al-Numan und Saraqib sind die oppositionellen Kräfte nur noch auf ein urbanes Zentrum beschränkt: Die gleichnamige Provinzhauptstadt Idlib. 

Nach der erfolgreichen Einkreisung der Stadt Saraqib konnte sie einen Tag später erfolgreich ohne Widerstand eingenommen werden. Ursprünglich hatten türkische Streitkräfte an drei Ortseingängen militärische Vorposten errichtet, welche aber letzten Endes vor dem Zugriff der syrischen Armee aufgegeben wurden. Nach der Eroberung von Saraqib wandte sich die Operation dem Norden zu, wo man innerhalb von zwei Tagen Dutzende Dörfer und kleinere Städte einnehmen konnte, darunter al-Eis, eine Stadt mit dem höchsten Hügel in der Umgebung. Dort kam es 2016 zu erbitterten Kämpfen zwischen Opposition und mehrheitlich schiitischen Milizen, die nach wochenlangen Gefechten und dem Einsatz mehrerer Selbstmordattentäter zugunsten den Aufständischen entschieden werden konnte.

Zudem errichtete die Türkei dort einen sogenannten „Observierungspunkt“, welcher ursprünglich den zwischen Russland und der Türkei ausgehandelte Waffenruhe in Syrien überwachen sollte, effektiv aber den Einfluss der Türkei im südlichen Nachbarland ausweitete. Es ist unklar, ob türkische Soldaten sich weiterhin in al-Eis aufhalten und damit eingeschlossen werden, oder sich zuvor zurückgezogen haben. Es ist bereits der fünfte Militärstützpunkt (mit der Ausnahme von Saraqib), welcher von der SAA erfolgreich umkreist werden konnte. Mindestens drei davon werden weiterhin von der Türkei bemannt.

In den vergangenen Tagen überquerten etliche Militärkonvois und Unmengen an Kriegsgerät die syrisch-türkische Grenze, um die türkische Truppenpräsenz in Idlib noch weiter zu verstärken. Schätzungen reichen bis zu Hunderten Fahrzeugen, die Meisten davon sind einfache Truppentransporter, aber auch Kampfpanzer sind darunter zu finden. Bisher nahm das türkische Militär in einem Radius von mehreren Kilometern um Idlib herum Stellung und errichtete bisher drei neue Basen, darunter in der ehemaligen militärischen Landeplatz in Taftanaz, nahe Sarmin und nördlich von Ariha. Damit entsteht ein Verteidigungsring rundum Idlib, der das syrische Militär aufhalten soll. Vor wenigen Tagen drohte Erdogan zudem die syrischen Regierung damit, dass wenn sie sich nicht bis Ende Februar aus den neu eroberten Gebieten zurückziehen werde, man militärisch intervenieren wird. Bisher hält man es für reine Drohgebärden, dennoch verstärkt das türkische Militär seine Präsenz in der Provinz immens.

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Situation zwischen Aleppo und Saraqib, wo die Opposition noch einige Teile der M5-Autobahn kontrolliert

Die neuesten Gefechte haben zur Massenflucht von Zivilisten geführt, Zehntausende Menschen fliehen aus dem Großraum Aleppo in Richtung türkisch-syrischer Landesgrenze. Die Meisten von ihnen kehren nicht zum ersten Mal ihrer Heimat den Rücken. Es gibt keine genauen Zahlen zu den Einwohnern von Idlib, jedoch erscheinen rund eine Millionen Menschen, ungefähr die Zahl der Bevölkerung in der Provinz vor dem Krieg, als wahrscheinlich, da viele Menschen aus anderen Teilen Syriens nach Idlib flohen. Inzwischen sind die Flüchtlingslager entlang der türkischen Grenze mit den Massen an Fliehenden völlig überfordert und setzen auf internationale Unterstützung, da die Anzahl nicht anderweitig bewältigt werden kann.

Die kurz vor Weihnachten gestartete Offensive im Südosten Idlibs der syrischen Armee stellt der eigenen Darstellung zufolge die „zweite Phase“ der Idlib-Offensive dar, nachdem es im Mai zur ersten größeren Operation in Nord-Hama gekommen ist und in dessen Folge mehrere wichtige Städte wie Khan Sheikhoun erobert wurden. Das genaue Ziel der derzeitigen Offensive ist nicht klar, Gerüchten zufolge soll aber die zweitgrößte Stadt der Provinz, Maraat al-Numan, und sämtliche Gebiete östlich der M5-Autobahn, welche Hama und Aleppo miteinander verbindet, gesichert werden. Dies entspreche etwa einem Drittel des gesamten, von der Opposition gehaltenen Territoriums in Idlib. Ebenso unsicher ist es, ob die Militäroffensive weitergeführt wird, oder es erneut zu einer mehrmonatigen Pause kommt. Das nächste Ziel könnten sämtliche Gebiete südlich der M4-Autobahn sein, welche von Latakia bis nach Aleppo verläuft.

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