Libysche Armee erobert wichtige Hafenstadt

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Mit einer überraschenden und unerwarteten Geschwindigkeit konnte die Libysche Nationalarmee (LNA) unter der Führung des ehemaligen Generals Khalifa Haftars und der ostlibyschen Tobruk-Regierung die wichtige Küstenstadt Sirte im zentralen Norden des Landes  ohne Blutvergießen und mit erfolgreicher Diplomatie erobern und damit der sogenannten „Einheitsregierung“ in der libyschen Hauptstadt Tripolis einen schweren Schlag zufügen, immerhin kontrolliert die Regierung dadurch nur noch zwei größere Orte. Sirte war in der Vergangenheit immer wieder Schauplatz schwerer Gefechte mit dem Islamischen Staat, da sich in der Nähe die größten Erdölfelder des Landes befinden. Damit kann die neueste militärische Großoffensive der LNA ihren ersten wichtigen Sieg feiern, während die Kämpfe am südlichen Stadteingang von Tripolis weiter andauern.

Überraschend verkündete die Libysche Nationalarmee am Montag eine Offensive auf die wichtige Hafenstadt Sirte, welche sich seit jeher unter der Kontrolle verschiedener islamistischer Kräfte befand. Innerhalb nur weniger Stunden konnte die gesamte Stadt und der dazugehörige Flughafen weiter südlich unter die Kontrolle von Haftar gebracht werden, vor allem dank der Unterstützung der 604. Sirte-Brigade, eine lokale Miliz mit wichtiger Präsenz, die auf die Seite der Tobruk-Regierung überlief und Sirte dadurch ohne Blutvergießen gesichert werden konnte. Sirte war bisher nicht das Ziel von Militäroffensiven gewesen, obwohl es ein potentielles Ziel nahe den Frontlinien der LNA war. Es ist vor allem die Hoffnung, durch die Eröffnung einer zweiten Front die vergleichsweise festgefahrene Front in der Hauptstadt zu entlasten. Dabei konnten sie auch mehrere Fahrzeuge und Waffen sichern. Derzeit sollen Kämpfe 35 Kilometer westlich von Sirte andauern, die nächstgrößere Orte in der wüstenreichen Region nennt sich Misrata und befindet sich etwa 230 Kilometer von Sirte entfernt.

Durch die Verabschiedung einer entsprechenden Gesetzgebung vor wenigen Tagen beschloss die Türkei, sämtliche Barrieren für einen möglichen Truppeneinsatz in Libyen zu beseitigen. Jedoch betonte der türkische Präsident Erdogan mehrmals, dass keine Teile der türkischen Streitkräfte, sondern andere Kämpfer eingesetzt werden, zumindest werden sie nicht direkt an den Gefechten teilnehmen aber wie in der Vergangenheit üblich als Ausbilder eingesetzt werden. Mit diesen „Kämpfern“ sind syrische Islamisten gemeint, welche bereits seit über einer Woche in Nordafrika präsent sind und aktiv an den Kämpfen um Tripolis teilnehmen. Dabei gibt es bereits den ersten bestätigten Tod, ein Milizionär der von der Türkei ausgebildeten und aufgerüsteten islamistischen Gruppierung „Sultan Murad“ wurde bei Kämpfen getötet. Ursprünglich stammt er aus der Region Ost-Ghouta bei Damaskus.

In Tripolis hingegen konnte die LNA den südlichen Stadteingang sichern, jedoch nur ohne großen Verlusten vorrücken. Besondere Aufmerksamkeit gab es für einen Luft- oder Drohnenangriff auf die Militärakademie von Tripolis, bei dessen Angriff 30 Militärs ausgeschaltet wurden. Wie Videoaufnahmen beweisen, standen diese Soldaten diszipliniert in mehreren Reihen, wodurch ein zentraler Angriff besonders tödlich war. Unklar ist wer dahinter steckt, nachdem die LNA diesen Vorfall widersprochen hat. Wesentlich wahrscheinlicher könnte Ägypten oder die Vereinigten Arabischen Emiraten die Täter sein, welche regelmäßig  Luftunterstützung den Truppen der Nationalarmee anbieten. Zum gleichen Zeitpunkt wurde zudem der Flughafen der Hauptstadt bombardiert, was zu mehreren Toten und zur Unterbrechung des Luftverkehrs führte.

Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 80% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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