Weiterhin schwere Gefechte um libysche Hauptstadt

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Der Kommandant der „Libyschen Nationalarmee“ (LNA), General Khalifa Haftar unter der Führung der ostlibyschen Tobruk-Regierung, verkündete letzte Woche eine groß angelegte Militäroffensive auf die libysche Hauptstadt Tripolis, welche seit Ausbruch des Bürgerkrieges von der sogenannten „Einheitsregierung“ (GNA) kontrolliert wird und als konkurrierende Macht in Libyen auftritt. Auch wenn die Nationalarmee an Boden gewinnen kann, scheint die Situation weiterhin unklar zu sein: Dank türkischer Unterstützung und dem aktiven Einsatz syrischer Islamisten kann sich die GNA gegen die Übermacht mit internationaler Unterstützung stemmen, während Präsident Erdogan für die Intervention durch türkische Soldaten in dem Bürgerkrieg wirbt und damit die Tobruk-Regierung unter Druck setzt.

Auch weiterhin beschränken sich die Gefechte auf den Süden von Tripolis und die ersten Stadtteile. Die Libysche Nationalarmee rückt nur langsam voran und mit einer möglichen direkten Intervention türkischer Streitkräfte zu Beginn des nächsten Jahres besitzt Haftar nur noch ein enges Zeitfenster, welches ansonsten die mögliche Wiedervereinigung Libyens unmöglich und die Einheitsregierung in eine mächtige Position bringen würde. Die Nationalarmee verkündet die Eroberung mehrerer Wohnblöcke, die Sicherung der Zufahrtsstraße zum Internationalen Flughafen der Stadt und die Einnahme des Zubakhli-Viertels. Jedoch wurde durch eine Gegenoffensive der GNA-Milizen und der direkten Unterstützung durch syrische Islamisten das Tibakli-Militärbasis vor Ort wiedererobert. Damit befindet sich die LNA noch rund vier Kilometer vom Stadtkern entfernt.

Auch auf dem Meer kommt es zum direkten Konflikt zwischen den zwei Fraktionen. Die Tobruk-Regierung kündigte an, zukünftig den „Schmuggel“ über das Mittelmeer näher zu überwachen und entsprechende Schritte dagegen zu unternehmen. Aufgrund dessen wurde vor wenigen Tagen ein türkisches Frachtschiff auf dem Weg nach Tripolis beschlagnahmt und zu einem Hafen unter der Kontrolle der LNA transportiert. Der Seeweg von der Türkei nach Libyen bzw. Tripolis wird als einfachster und direktester Weg zum Waffentransport genutzt und dementsprechend interessiert ist die Nationalarmee, jeglichen Handel zu unterbinden. Im Falle des Frachters handelte es sich wohl nur um ein ziviles Schiff.

https://twitter.com/LNA2019M/status/1208488714151878657

 

Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 80% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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