Der Terror kehrt nach Nordsyrien zurück

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Am Dienstag detonierte in der Stadt Tel Halaf, nur wenige Kilometer von der syrisch-türkischen Grenze entfernt, eine Autobombe und tötete dabei mindestens zwölf Personen und verletzte 20 Weitere. Ziel des Angriffes war ein Militärkonvoi der sogenannten „Syrischen Nationalarmee“, ein Verbund verschiedener islamistischer Gruppierungen aus Afrin und Nord-Aleppo, welche der Türkei die Treue schworen und nun als die Fußsoldaten und Verwalter in Syrien für das nördliche Nachbarland agieren. Mit der neuesten türkischen Großoffensive mit dem Titel „Operation Friedensquelle“ in Nordsyrien auf das Territorium der kurdisch-arabischen „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) bzw. kurdischen „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) zieht auch die Destabilisierung in der Region ein, der Anschlag in Tel Hafaf reiht sich in den unzähligen Angriffen der vergangenen Wochen ein.

Die im Zuge der türkischen Operation eroberten Gebiete spannen sich über Hunderte Quadratkilometer bis zu 30 Kilometer tief in Syrien hinweg, zwischen den Grenzstädten Tel Abyad und Ras al-Ayn teilen sich die verschiedenen Milizen der Nationalarmee ihre neueste Erbeutungen auf, darunter befinden sich auch namhafte und verrufene Gruppierungen wie Sultan Murad, die Hamza-Division oder Ahrar al-Sharqiya, Gerade in den bereits erwähnten Grenzstädten Ras al-Ayn und Tel Abyad kommt zu Anschlägen und Angriffen auf Islamisten und türkische Streitkräfte, obwohl sich die Orte weit entfernt von den tatsächlichen Frontlinien befinden. Besonders Tel Abyad ist bisher von mindestens drei Autobomben getroffen worden und töteten insgesamt mindestens 30 Personen, darunter befanden sich auch zivile Ziele wie eine Bäckerei. Der Täter ist weiterhin unbekannt.

Zwar beschuldigt die Türkei Anhänger der YPG/PKK der Taten, jedoch gibt es hierfür keine Beweise. Insgesamt kann es zwei potentielle Verursacher geben: Einerseits könnten es Schläferzellen des Islamischen Staates sein, welche nach mehreren Jahren Inaktivität und nach dem Ausbrechen neuer Kämpfe das Wirrwarr für sich nutzen und nun Anschläge in der gesamten Region verüben. Wahrscheinlicher handelt es sich hierbei aber um die ersten Guerillaoperationen der Kurden, die ihre Heimatgebiete nicht kampflos aufgeben wollen. Dabei droht sich die Lage in ein zweites Afrin-Szenario zu entwickeln, womöglich sogar mit einer noch stärkeren Intensität.

In Afrin dauert seit über zwei Jahren ein Widerstandskampf mehrerer kurdischen Guerillagruppen an, welcher auf Seiten der Türkei und Nationalarmee zu enormen Verlusten geführt hat und in seiner Schlagkraft bis heute nicht abgenommen, sich sogar weiter professionalisiert hat. Waren es am Anfang noch einfache Überfälle von vereinzelten Fahrzeugen über Nacht, werden inzwischen mithilfe von Panzerabwehrwaffen, Infrarotvisieren oder Drohnen ganze Militärbasen attackiert, sogar auf das ursprünglich nicht von der YPG kontrollierte Gebiet von Nord-Aleppo haben sich die Operationen ausgeweitet. Dabei können sie auch auf die Unterstützung der syrischen Regierung setzen, welche ihnen ein Rückzugsgebiet in Form von der Region Tel Rifaat gibt und es außerdem zu Waffenlieferungen kommen soll. 

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In Afrin wurden bereits mehrere türkische Soldaten getötet

Die Unterstützung für die verschiedenen kurdischen Guerillagruppen und dem Widerstand generell nährt sich auch aus der destruktiven Wut der Islamisten. Die Lebensgrundlage der Bevölkerung, die Olivenplantagen, werden wahlweise in Brand gesteckt oder abgeholzt und dann das Holz gewinnbringend in die Türkei weiterverkauft. Zudem kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen den arabischen Flüchtlingen und der originalen kurdischen Bevölkerung, da sie von der Türkei und den Islamisten bevorzugt behandelt werden und z.B. in konfiszierte Häuser einziehen können. Hinzu kommen die Entführungen, wo angebliche YPG-Anhänger gefoltert und meist erst nach einer hohen Lösegeld freigelassen. Die islamistische Organisation Ahrar al-Sharqiya hat nach eigenen Angaben fünf Kämpfer von Faylaq al-Sham dabei erwischt, wie sie ein Mitglied von al-Sharqiya entführen wollten, den sie für einen Zivilisten hielten. Der Machtkampf macht inzwischen nicht mehr vor den eigentlichen Verbündeten Halt.  Seit der „Befreiung“ durch türkische Verbände regiert in Afrin die Korruption.

Aber auch in Gebieten außerhalb der im Zuge der „Operation Friedensquelle“ besetzten Territorien nährt sich der Terrorismus von der instabilen Situation, so explodierten in der gemeinsam mit der syrischen Regierung verwalteten Grenzstadt al-Qamishli innerhalb eines Monats drei Autobomben und töteten ein Dutzend Zivilisten. Südlich von der zweitgrößten Stadt al-Hasakah gab es einen ähnlichen Vorfall. In diesem Falle stecken wohl Anhänger des Islamischen Staates dahinter, die bereits seit Jahren dort aktiv sind und auch immer wieder Attentate ausführen. Durch die türkische Militäroffensive fallen die nötigen Kapazitäten für Anti-Terror-Operationen oder reguläre Patrouillen weg, was dem IS wiederum mehr Spielraum ermöglicht. Die ständigen Ausbruchsversuche der IS-Häftlinge aus den etlichen Flüchtlingslagern und Gefängnissen fördern diese instabile Situation nur weiter. Sollten die Gründe für diese Ereignisse nicht unterbunden werden, so wird sich auch kein Ende des Terrors in Nordsyrien finden.

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