Türkei startet neue Angriffe in Nordsyrien

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Islamisten im Dachverband der sogenannten „Syrischen Nationalarmee“ und mit der Unterstützung der türkischen Streitkräfte starteten am Samstag einen neuen Angriff auf die gemeinsam von den kurdisch-arabischen „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) und syrischer Regierung verwalteten Stadt Ain Issa, welche sich vier Kilometer außerhalb der von der Türkei ursprünglich geplanten und mit Russland ausgehandelten „Pufferzone“ an der syrisch-türkischen Grenze befindet. Bisher sind die Ambitionen der Türkei nicht klar, auch da sie sich ansonsten in den anderen Teilen Nordsyriens weitgehend an die Vereinbarung hält. Zudem könnte es in Ain Issa zum erheblichen Widerstand der syrischen Armee kommen, welche mit schweren Kriegsgerät dort stationiert ist.

Es war eine große Überraschung, als die lokale, mehrheitlich arabische Bevölkerung von Ain Issa und den umgebenden Dörfern am Samstag plötzlich Luft- und Drohnenangriffe der Türkei vermeldeten, darunter auch auf das dortige Flüchtlingslager, welches Zehntausende Personen beheimatet, die größtenteils bereits vor der türkischen Invasion flohen und es möglicherweise nochmal tun müssten. Vom Norden aus rücken Islamisten mit der Unterstützung der türkischen Artillerie und Luftwaffe weiter vor und konnten bisher zwei Dörfer erobern. Je näher sie an die Stadt heranrücken, desto stärker wird der Widerstand: Die syrische Armee beteiligt sich aktiv an den Gefechten und setzt dabei auch schwere Waffen wie Panzer oder Lenkraketen ein, um die Islamisten zurückzudrängen. Auch Russland soll in Ain Issa präsent sein, jedoch scheinen sie nicht in den Kämpfen involviert zu sein.

Anderswo kann die Militärallianz der SDF und Syrisch-Arabischen Armee ebenfalls Erfolge im Kampf gegen die von der Türkei unterstützten und finanzierten Stellvertreter verzeichnen und westlich der umkämpften Stadt Tell Tamr vorrücken und dabei mehrere Dörfer entlang der M4-Autobahn wiedererobern. Tell Tamr war in den vergangenen Wochen immer wieder schweren Angriffen von Islamisten und der Türkei ausgesetzt, jedoch konnten bisherige Eroberungsversuche verhindert werden. Nun scheinen sie das selbe Szenario in Ain Issa zu versuchen. Die M4 gilt als faktische Demarkationslinie für die türkische Pufferzone, sie liegt etwa 30 Kilometer von der syrisch-türkischen Grenze entfernt. Entlang dieser wichtigen Straße errichtete die Türkei bereits mehrere Militärstützpunkte, um ihre selbsternannte „Sicherheitszone“ zu markieren. 

Die christliche Minderheit, welche sowohl in Ain Issa als auch Tel Tamr vergleichsweise stark vertreten ist, fürchtet die Herrschaft der Türkei bzw. ihrer syrischen Stellvertreter. Daran schuld ist vor allem das Verhalten der Islamisten: Die „Syrische Nationalarmee“ ist ein türkischer Versuch, die verschiedenen islamistischen Milizen unter der eigenen Schirmherrschaft in Afrin und Nord-Aleppo zu vereinen, faktisch jedoch existiert keine gemeinsame Struktur und Organisation. Stattdessen kommt es immer wieder zu Plänkeleien um Macht und Einfluss zwischen den verschiedenen Gruppierungen, die oft auf den Rücken der Bevölkerung ausgetragen werden.

Bereits heute wiederholt sich das Afrin-Szenario: Massenvertreibung Zehntausender Kurden, Christen und anderer Minderheiten, Zunahme von ethnischen Konflikten zwischen Arabern und Kurden durch die aufgezwungene Deportation syrischer Flüchtlinge in den traditionell kurdischen Gebieten, die Zerstörung von kurdischen und religiösen Kulturgütern wie z.B. Friedhöfe oder Schreine oder die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen. in Tel Abyad wurden beispielsweise mehrere Familienmitglieder entführt, damit man von den Verwandten Lösegeld fordern kann, ein Großteil der ehemals kurdischen Läden und Häuser wurden von Islamisten konfisziert und zum eigenem Wohnsitz umfunktioniert. Derweil schickt die Türkei die ersten Flüchtlinge aus anderen Teilen des Landes nach Tel Abyad.

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