Kurden können Grenzstadt wochenlang halten

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Entgegen amerikanischen Hoffnungen hielt die zwischen den beiden NATO-Partnern der Türkei und USA ausgehandelte Waffenruhe nicht mal wenige Stunden an, auch weiterhin kommt es in Nordsyrien zu schweren Gefechten und Bombardements im Zusammenhang mit der türkischen Militäroffensive „Operation Friedensquelle“, welche mit der Unterstützung syrischer Islamisten die Eroberung des syrisch-türkischen Grenzgebietes und Etablierung einer rund 30 Kilometer breiten „Sicherheitszone“ vorsieht. Mit der Stationierung der russischen und syrischen Armee konnte der Konflikt lokal begrenzt werden, nur noch auf etwa der Hälfte der Grenze kommt es zu Kämpfen, das kurdisch-arabische Bündnis der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) kann mit der Feuerunterstützung ihrer Verbündeten ein Großteil der Front halten. Dennoch können die türkischen Streitkräfte erhebliche Fortschritte vorweisen.

Von der einst versprochenen 30 Kilometer breiten „Sicherheitszone“ enlang der gesamten nordsyrischen Grenze ist nicht mehr viel übrig, die türkische Bodenoffensive konnte nur zwischen den zentral gelegenen Städte Tel Abyad und Ras al-Ayn Kapital schlagen und dort eine von Islamisten kontrollierte, bis zur M4-Autobahn gelegene Pufferzone errichten. Die Gebiete weiter westlich mit Kobane und östlich mit Qamishli sind hingegen mit steigender Dauer der Offensive unerreichbar, da dort inzwischen Truppen der Syrisch-Arabischen Armee (SAA) stationiert sind und Erdogan keinen Konflikt mit der Regierung sucht.

Besonders schwer dauern noch die Gefechte in der syrischen Grenzstadt Ras al-Ayn (im kurdischen als Serekaniye bekannt) an, wo die wenigen Verteidiger seit Anbeginn der türkischen Offensive tapfer halten können. Innerhalb des inzwischen völlig zerstörten Ortes kommt es über den Tag hinweg zu ständigen Kontrollwechseln: Während die Islamisten unter türkischer Führung über den Tag hinweg weite Teile des Ortes sichern können, werden diese Viertel über Nacht von der SDF wiedererobert. Teilweise konnte das arabisch-kurdische Bündnis sogar umliegende Dörfer zurück gewinnen, jedoch waren derartige Erfolge nur von kurzzeitiger Natur. Stattdessen zieht sich die militärische Schlinge um Ras al-Ayn stetig zu, die einzige noch nicht von Islamisten kontrollierte Versorgungsstraße wird ständig von türkischer Artillerie getroffen, der Ort somit faktisch belagert.

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Ein Zivilkonvoi, bestehend aus mehreren Dutzend Fahrzeugen versuchte im Zusammenhang mit der deklarierten Waffenruhe den Ort zu erreichen, die dort stationierten Kämpfer zu versorgen und allgemein ein Zeichen gegen die türkische Invasion zu setzen. Jedoch wurden sie kurz vor Ras al-Ayn durch feindlichen Beschuss gestoppt. Bereits nach Tel Abyad gab es eine ähnliche Mission, dieser Konvoi bestand jedoch auch teilweise auch militärischen Einheiten und wurde aufgrund dessen von türkischen Kampfjets bombardiert.

Fernab von Ras al-Ayn können die syrischen Islamisten einige Gebiete erobern, ein Großteil des Gebietes zwischen den Städten Tel Abyad und Ras al-Ayn befindet sich unter islamistischer Kontrolle, beide Orte sind rund 120 Kilometer voneinander entfernt. In südlicher Richtung dient die M4-Autobahn als faktische Demarkationslinie, von dort aus sind auch bereits syrische Regierungseinheiten präsent. Auf der Straße verübten Islamisten bereits mehrere Massaker, so exekutierten sie vor wenigen Tagen gefangen genommene SDF-Kämpfer und töteten mehrere Politiker. Hinter den Taten steckt in erster Linie die islamistische Gruppierung Ahrar al-Sharqiya, welche bereits in Afrin für unzählige Gräueltaten mit islamistischem Hintergrund bekannt ist.

Neben der erfolgreichen Verteidigung von Ras al-Ayn kann die SDF auch in einigen anderen Orten militärische Erfolge verzeichnen. Östlich und südlich von Ras al-Ayn und in der Nähe der Stadt Ain Issa konnte die SDF mit der Unterstützung der Armee mehrere Dörfer wiedererobern, einen Vorstoß auf Ain Issa damit erfolgreich beenden. Zudem kam es erstmal zum Einsatz von Panzerabwehrraketen, die auch direkt mehrere türkische und syrische Militärfahrzeuge vernichteten, darunter mehrere Transporter. Auch vermeldete die Türkei am Freitag den Absturz eines Helikopters in Nordsyrien, jedoch war dieser Vorfall das Ergebnis eines technischen Defekts und keines direkten Angriffes.

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Russische Militärpolizei in Manbij

In den Regionen, wo die syrische Armee präsent ist, sind hingegen ruhig. Zuletzt erhielt Ayn al-Arab bzw. Kobane eine Garnison, nachdem amerikanischen Truppen sich noch in der Region befanden und man zunächst noch seine Militärstützpunkte evakuieren und zerstören musste. Bis auf einige Artilleriewechsel kam es in dem Gebiet jedoch kaum zu Gefechten. Die Offensive auf die westlich des Euphrats befindliche Stadt Manbij erwies sich ebenso als erfolglos, nachdem syrische Truppen die Front erreichten und somit die Offensive frühzeitig beendet wurde. Inzwischen befindet sich die SAA in allen Grenzregionen und wichtigen Städten wie Ain Issa, Qamishli, Kobane oder Hasakah.

Besonderes Kopfzerbrechen sorgen die Tausenden Gefangenen an Kämpfern und Anhängern des Islamischen Staates, welche die Unruhen und Kämpfe in Nordsyrien zu ihrem Vorteil nutzen. In Ain Issa konnten über 800 Insassen nach türkischen Artilleriebeschuss fliehen, wie die SDF behauptet. Der Türkei zufolge wurden die Häftlinge jedoch freigelassen, um im Westen für verstärkten Druck zu sorgen. In den verschiedenen Lagern kommt es nun vermehrt zu Aufständen und Unruhen in der Hoffnung, das Momentum zur Flucht ausnutzen zu können. Derweil behauptet der IS selber, in der Provinz Raqqah bei einem Ausbruch von IS-Frauen geholfen und sechs Wärter getötet zu haben.

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