Türkei erobert erste Orte in Syrien, tötet Zivilisten

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Nach nur einem Tag kann die türkische Großoffensive mit dem Namen „Operation Friedensquelle“ erste Bodengewinne im Norden Syriens verzeichnen. Demnach konnten türkische Streitkräfte mit der Unterstützung ihrer syrischen, islamistischen Verbündeten mehrere Dörfer erobern und bedrohen nun, die Grenzstadt Tel Abyad vollständig zu umschließen. Nach den über die gesamte Nacht andauernden Bombardements gibt es erste Berichte von getöteten Zivilisten in der selbsternannten Hauptstadt der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF), welche von den kurdischen „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) dominiert werden. Die Lage in der bisher vom Krieg relativ verschont gebliebenen Region wird immer kritischer, Hunderttausende sind auf der Flucht vor Zerstörung und eines bevorstehenden Herrschaft von Islamisten.

Es gibt erste Meldungen, dass die türkische Armee mit der Unterstützung ihrer islamistischen Verbündeten aus Syrien zwei Dörfer östlich der Grenzstadt Tal Abyad erobert haben soll und man auch derzeit versucht, an der westlichen Flanke vorzurücken und den Ort damit zu isolieren und zu belagern. An vielen weiteren Orten werden die Betonmauern entfernt, welche Jahre zuvor zum Schutz gegen Flüchtlingswellen und der Infiltration durch „terroristische Gruppierungen“ errichtet wurden und ein Indikator für weitere bevorstehende Bodenoffensiven sein könnten. Zudem berichtet man vom Erfolg der Dutzenden Luftangriffe, demnach wurden mehrere „Terrorcamps und -lager“ mitsamt Dutzenden YPG-Kämpfern erfolgreich eliminiert.

Aus SDF-Kreisen heißt es hingegen, dass man in der Nacht mehrere Grenzübertritte der syrischen Islamisten verhindern konnte, die türkische Armee selber sei noch nicht involviert gewesen. Bei einem Infiltrationsversuch in Ras al-Ayn wurden fünf Islamisten gefangen genommen, die versucht haben sich unter die Bevölkerung zu mischen. Außerdem wurde eigenen Angaben zufolge ein Militärfahrzeug nahe Dahuk zerstört, was den ersten Verlust im Kampf bedeuten würde. In einigen Orten werden Reifen oder Ölquellen in Brand gesteckt, um durch die dadurch entstehenden Rauchschwaden die Sicht der türkischen Aufklärungsdrohnen und Kampfjets zu behindern.

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Zehntausende fliehen aus der Grenzregion 

Trotz den ständigen Angriffen kommt es in den Grenzstädten immer noch zu Friedensdemonstrationen der lokalen Bevölkerung, Tausende versammelten sich und wandten sich gegen die türkischen Aggressionen. Zehntausende Menschen fliehen aus den derzeit umkämpften Gebieten, die Meisten bewegen sich in Richtung Süden oder in den Nordirak, wo viele Verwandte und Kontakte haben. Einige suchen nahe amerikanischen Militärbasen nach Schutz. Orte wie Tel Abyad oder Ras al-Ayn sind inzwischen zu Geisterstädten verkommen. Die Verbliebenen schließen sich der vor zwei Tagen beschlossenen Mobilisierung an und werden Teil der „Verteidigungskräfte“ (HXP), welche kommunal verwaltete Milizen sind, die wenig militärische Erfahrung besitzen und zur Verteidigung ihrer Heimatorte eingesetzt werden.

Besonders unter den ethnischen und religiösen Minderheiten wie Assyrern, Jesiden, Syriacs, Armeniern oder Tscherkessen gibt es die Befürchtung, dass sich die türkische Besetzung für sie negativ auswirken könnte. Daran schuld sind vor allem die syrischen Stellvertreter: Die „Syrische Nationalarmee“ ist ein türkischer Versuch, die verschiedenen islamistischen Milizen unter der eigenen Schirmherrschaft in Afrin und Nord-Aleppo zu vereinen, faktisch jedoch existiert keine gemeinsame Struktur und Organisation. Stattdessen kommt es immer wieder zu Plänkeleien um Macht und Einfluss zwischen den verschiedenen Gruppierungen, die oft auf den Rücken der Bevölkerung ausgetragen werden. Sollte sich das Afrin-Szenario in Nordsyrien wiederholen, würde das vor allem bedeuten: Massenvertreibung, Zunahme von ethnischen Konflikten zwischen Arabern und Kurden, Korruption, die Zerstörung von Schreinen, Friedhöfen oder Glaubenshäusern von religiösen Minderheiten und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zum eigenem Interesse.

Im Vergleich zum ersten Tag der Offensive wurden sämtliche Operationen ausgeweitet. Türkische Bombardements betreffen nun nahezu alle Orte entlang des gemeinsamen Grenzgebietes und Städte tief im SDF-Territorium, von Kobane im Westen bis zur selbsternannten Hauptstadt Qamishli im Osten wurden türkischen Angaben zufolge „Munitionslager und Militärbasen der terroristischen YPG“ getroffen. Selbst das 50 Kilometer von der syrischen Grenze gelegene Ain Issa wurde attackiert. Besonders die Angriffe auf Qamishli sind unerwartet, da sich die Stadt weit im Osten fernab des sonstigen Konfliktes befindet und einige Viertel, der Grenzübergang und der Flughafen der Stadt noch von der syrischen Regierung kontrolliert werden. Dort soll es auch durch die ständigen Bombardements zu den ersten zivilen Verlusten gekommen sein, bis zu drei Personen wurden in der Nacht getötet. 

Das kurdisch-arabische Militärbündnis selber reagierte mit einigen Angriffen auf Ziele innerhalb der Türkei, so berichtet man von der erfolgreichen Zerstörung eines Militäraußenpostens bei Kobane, der Ort wurde aufgrund der weiterhin bestehenden Präsenz von amerikanischen Spezialeinheiten vergleichsweise verschont, und etwa sechs Raketenangriffen auf die türkische Grenzstadt Nusaybin, welche sich direkt gegenüber Qamishli befindet, dort aber nur Materialschäden im Zentrum verursacht wurden. Es ist das erste Mal, dass die SDF ihre Operationen auf die Türkei selber ausweitet.

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