USA zieht sich für türkische Offensive in Nordsyrien zurück

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Entgegen allen Erwartungen verkündete das Weiße Haus am Montag Morgen den Abzug amerikanischer Truppen aus dem Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei, welches von dem arabisch-kurdischen Milizenbündnis der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) gehalten wird und seit jeher vom türkischen Präsidenten Erdogan als Gefahr für die nationale Sicherheit angesehen wird. Damit öffnet die USA Tür und Tor für eine türkische Militäroffensive mit der Unterstützung seiner syrischen islamistischen Stellvertreter, die bereits Afrin durch Korruption und Terror destabilisierten und zu einem neuen Kriegsgebiet machten. Besonders profitiert der Islamische Staat von dieser Situation, da die SDF Zehntausende Kämpfer und ebenso radikale Familienmitglieder in verschiedenen Gefängnissen festhält und es bereits heute dort immer wieder zu Unruhen kommt.

Erst vor drei Tagen drohte Erdogan mit einer Operation gegen die mehrheitlich kurdischen Aufständischen und betonte die Dringlichkeit einer „Deeskalationszone“ entlang der syrischen Grenze, um die Türkei schützen zu können. Zunächst reagierte die USA mit diversen Zugeständnissen, so unternahm die USA zusammen mit der Türkei mehrere Militärpatrouillen entlang der Grenze und erklärte sich auch bereit, den Abzug schwerer Waffen und der kurdischen „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG), der syrische militärische Flügel der von der Türkei terroristisch eingestuften PKK, zu unterstützen. Jedoch waren diese Angebote für die Türkei stets ungenügend und stattdessen betonte man die Errichtung einer rund 30 Kilometer breiten Deeskalationszone, welche von der Türkei und seinen islamistischen Milizen kontrolliert und überwacht werden soll.

30 Kilometer würde fast das gesamte Kerngebiet der SDF beinhalten, entlang der Grenze befinden sich ohnehin jene Regionen, die bisher am wenigsten vom syrischen Bürgerkrieg betroffen waren. Dadurch existierten dort bis heute noch größere Städte wie Qamishli, Tal Abyad oder Ayn Issa, die auch das Gros der Bevölkerung im SDF-Territorium stellen. Erdogan kündigte ebenfalls an, in diesem neu eroberten Gebiet Millionen an arabischen Flüchtlingen aus der Türkei anzusiedeln. Das würde zu einem massiven demographischen Wandel führen, da gerade das Grenzgebiet die einzigen Regionen darstellen, welche mehrheitlich von Kurden bevölkert werden. Hier wird also ein ähnliches Projekt wie in Afrin versucht, um die Zusammensetzung der Einwohner langfristig zu ändern und den Anteil der Kurden stark zu reduzieren.

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US-Militärkonvoi zieht sich in den frühen Morgenstunden aus der Region Tel Abyad zurück

Die verbale Unterstützung einer „lang geplanten Operation“ der Türkei durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump ist ein überraschender Wandel der amerikanischen Politik. Zwar plante Trump schon länger, amerikanische Soldaten aus Syrien abzuziehen, stieß dabei aber immer wieder auf Widerstand des Pentagons und anderen Teilen des Staatsapparates. Bereits gestern verließ ein Militärkonvoi der USA Syrien, heute ist ihr Militärstützpunkt bei Tel Abyad vollkommen verlassen. Für die Bevölkerung vor Ort bedeutet diese Nachricht ein Schock, Hunderttausende wollen nach Süden oder in Richtung Nordirak fliehen, wo viele kurdische Verwandte haben. Es bedeutet das faktische Verlassen eines jahrelangen Verbündeten in Syrien, welchen man massiv mit Truppen und Kriegsgerät ausrüstete und finanzierte.

Eigenen Angaben zufolge wurden bereits 14.000 Kämpfer der „Syrischen Nationalarmee“ für eine türkische Operation bereit an der Grenze. Die Nationalarmee ist ein türkischer Versuch, die verschiedenen islamistischen Milizen unter der eigenen Schirmherrschaft in Afrin und Nord-Aleppo zu vereinen, faktisch jedoch existiert keine gemeinsame Struktur und Organisation. Stattdessen kommt es immer wieder zu Gefechten um Macht und Einfluss zwischen den verschiedenen Gruppierungen, die oft auf den Rücken der Bevölkerung ausgetragen werden. Sollte sich das Afrin-Szenario wiederholen, würde das vor allem bedeuten: Massenvertreibung, Zunahme von ethnischen Konflikten zwischen Arabern und Kurden, Korruption und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zum eigenem Interesse.

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Überbleibsel der verlassenen US-Militärbasis bei Tel Abyad

Im Gegensatz zu Afrin gibt es aber einen weiteren Faktor: Der Islamische Staat. Nach den erfolgreichen Operationen der vergangenen Jahre konnten Tausende Anhänger der Terrormiliz und Zehntausende Familienmitglieder gefangen genommen werden und befinden sich derzeit in vielen verschiedenen Orten in Haft. Bereits heute platzen viele der Anlagen aus allen Nähten und beispielsweise kommt es im Gefangenenlager von al-Hol immer wieder zu Attentaten auf SDF-Wärtern oder anderen Insassen, die dem IS den Rücken kehren wollen. In einer solchen Atmosphäre radikalisieren sich die Gefangenen nur noch mehr und organisieren sich auch zunehmend. Zudem ist besonders im Süden des kurdischen Territoriums auch weiterhin der Islamische Staat aktiv, mithilfe von Schläferzellen gelingen immer wieder Überfälle, Attentate und Anschläge im gesamten Gebiet der SDF. Diese könnten durch die destabilisierende Wirkung eines türkischen Angriffes neue Hoffnung schöpfen, wohl direkte Befreiungsaktionen auf die Gefängnisse starten und sich allgemein neu formieren.

Es ist unklar, wie sich das arabisch-kurdische Bündnis nun verhalten wird. Militärisch würde es bei einer direkten Konfrontation gegen das türkische Militär unterlegen sein, vor allem da die USA noch kurz zuvor als Zugeständnis an die Türkei mehrere Verteidigungsanlagen der SDF entlang der Grenze zerstörte und zudem Aufklärungsflüge erlaubt haben soll. Politisch sind die Kurden nun isoliert, einzig mit der syrischen Regierung ließe sich wohl noch eine politische Lösung finden, welche aber zur Aufgabe der eigenen Autonomie führen würde. Zudem berichtet die SDF selber, dass sich die syrische Armee mit russischer Unterstützung auf einen Angriff auf die von der SDF gehaltenen Stadt Manbij westlich des Euphrats vorbereiten soll.

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