Libysche Armee droht der Türkei

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Aufgrund ausbleibender militärischer Erfolge für die „Libysche Nationalarmee“ (LNA) unter der Führung der ostlibyschen Tobruk-Regierung im Kampf gegen die sogenannte „Einheitsregierung“ scheint man sich einen neuen Feind zu suchen: Die Türkei ist das Ziel neuer Drohgebärden, eine Nation welches den Kontrahenten mit Sitz in Tripolis massiv militärisch unterstützt. Neben der Festnahme von türkischen Bürgern intensivierte sich besonders die Bombardierungskampagne der LNA, welche auch angebliche türkische Militärbasen im Nordwesten des Landes betreffen soll. Bei den neuesten und schweren Luftangriffen seit Jahren wurden aber auch Dutzende Zivilisten ermordet, wie die UN aus einem Flüchtlingszentrum vermeldet.

Als Vergeltung für die anhaltende und intensive militärische und logistische Unterstützung der Türkei für die Einheitsregierung nahm die Tobruk-Regierung insgesamt sieben türkische Staatsbürger in Libyen fest, nachdem man der Türkei mit Angriffen auf Schiffe und Flugzeuge drohte. Wenige Tage später wurden sie wieder freigelassen, das angespannte Verhältnis dauert dennoch weiter an. Besonders zugenommen haben die Luftangriffe der Libyschen Nationalarmee auf Tripolis und umliegende Gebiete, wobei laut eigener Darstellung mehrere Militärbasen und ein Drohnenkontrollzentrum zerstört wurden. Zudem konnte man erfolgreich eine türkische Drohne abschießen. Aber auch zivile Institutionen wurden bombardiert, so wurden durch einen Luftschlag auf ein Flüchtlingszentrum 44 Menschen getötet und Hunderte verletzt.

Bei der Eroberung der wichtigen Stadt Ghariyan südlich von Tripolis erbeuteten die Truppen der Einheitsregierung auch Dutzende moderne Waffensysteme, darunter vier Javelin-Panzerabwehrlenkwaffen amerikanischer Produktion, welche eigentlich nur von engen US-Verbündeten genutzt werden und über die Vereinigten Arabischen Emirate ihren Weg nach Libyen gefunden haben. Derartige Lieferungen würden aber unter das UN-Waffenembargo fallen. Weitere erbeutete Waffen sind Panzer- und Flugabwehrraketen, Artilleriegeschosse und Lenkraketen.

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Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 80% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich primär der Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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