Portugiesischer Pilot über Libyen abgeschossen

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Unentwegt dauern die Gefechte zwischen der ostlibyschen Tobruk-Regierung bzw. „Libyschen Nationalarmee“ (LNA) und den verschiedenen Milizen der sogenannten „Einheitsregierung“ nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis an. Seit einem Monat versucht die Armee unter der Führung Khalifa Haftars, das Land zu einen und den größten Rivalen im Nordwesten Libyens zu schwächen, bisher ohne erwähnenswertem Erfolg. Die Situation ist im Süden von Tripolis festgefahren, da liebäugelt die Nationalarmee mit einem neuen Ziel: Sirte als Hochburg islamistischer Milizen und Drehkreuz des zentrallibyschen Ölhandels ist ein lukratives Ziel, wovon die eigenen Truppen nur wenige Kilometer weit entfernt stehen.

Im Süden von Tripolis scheint sich die militärische Situation festgefahren zu haben, nur noch selten kommt es zur Änderung von Frontverläufen, welche oft kurz danach wieder revidiert werden. Während sich der Flughafen von Tripolis fest in den Händen der Libyschen Nationalarmee befindet, finden Gefechte westlich des Flugplatzes statt. Weiter nördlich sind die Frontverläufe unverändert, beide Fraktionen verhindern jegliches Vorrücken mithilfe von Panzerabwehrwaffen und intensivem Artillerieeinsatz. In der 350 Kilometer entfernten Küstenstadt Sirte sollen hingegen sämtliche Vorbereitungen der LNA auf eine neue Militäroperation hindeuten, die die Eroberung des Ortes zum Ziel hat. Die Eröffnung einer neuen Front könnte sich wiederum auf Tripolis auswirken, da die Einheitsregierung ihre Ressourcen aufteilen müsste.

Auch der Islamische Staat nutzt die Gunst der Stunde und verübt weit von den Frontlinien entfernt Angriffe auf ungeschützte Dörfer. So überfielen sie am Donnerstag den Ort Ghadduwah im Südwesten des Landes, zerstörten mehrere Gebäude und exekutierten mehrere Bewohner. Die Besonderheit war der Zeitpunkt der Aktion, normalerweise werden IS-Operation nicht mitten am hellichten Tage ausgeführt, der libysche Ableger der Terrormiliz scheint sich derzeit sicher zu sein, vom derzeitigen Chaos zu profitieren. Außerdem eroberten sie vor einer Woche einen Militärstützpunkt nahe der Stadt Sabha, in dessen Folge sie Kriegsgerät erbeuteten und Gefangene befreiten.

Am 7. Mai berichtete der Pressesprecher der Libyschen Nationalarmee, einen portugiesischen Piloten gefangen genommen zu haben, nachdem sein Kampfjet Armeestellungen bombardierte und daraufhin nahe der Stadt Misrata abgeschossen wurde. Es ist wahrscheinlich, dass der bisher nicht näher identifizierte Pilot tatsächlich aus Portugal stammt, aber als privater Söldner bzw. Pilot bei der Einheitsregierung seine Dienste anbot. Tatsächlich gab es schon mal eine ähnliche Situation, wo im Jahre 2016 ein portugiesischer Kampfpilot während einer Anti-IS-Mission in Sirte abgeschossen wurde.

Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 80% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich der primären Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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