Kämpfe in Tripolis: Kein Ende in Sicht

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Seit drei Wochen kommt es nahe der libyschen Hauptstadt zu den heftigsten Gefechten die das geteilte Land seit Jahren gesehen hat, nachdem die „Libysche Nationalarmee“ (LNA) unter der Führung der ostlibyschen Tobruk-Regierung und dem General Khalifa Haftar eine groß angelegte Offensive auf Tripolis startete, welches derzeit von den verschiedenen Milizen unter dem Schirm der „Einheitsregierung“ (GNA) kontrolliert wird. Während die Offensive sich zunehmend festfährt und beide Seiten keine entscheidenden Erfolge verzeichnen können, steigen die Beschuldigungen vom Einsatz ausländischer Kämpfer und der internationalen Finanzierung, unter anderem sollen auch amerikanische Spezialeinheiten vor Ort aktiv sein. Der derzeitige Konflikte wird noch Monate dauern, bis ihn eine Seite für sich entscheiden könnte oder der Status Quo durch eine Waffenruhe verfestigt wird.

Die Situation hat sich in den vergangenen Tagen wenig verändert. Weiterhin dauern die meisten Gefechte um den Internationalen Flughafen und der Stadt al-Aziziyah südlich von Tripolis an, beide Orte wechselten innerhalb weniger Tage mehrmals den Besitzer. Derzeit behauptet die Nationalarmee, das Areal zu kontrollieren. Im Gegensatz dazu sprechen GNA-Streitkräfte von der Eroberung von al-Hirah weiter östlich. In den südlichen Bezirken von Tripolis kommt es nun erstmals zum Einsatz von Panzerabwehrwaffen (ATGMs) durch die LNA, beide Seiten erlitten bisher hohe Fahrzeugverluste, viele wurden beim Rückzug einfach zurückgelassen und dadurch vom Gegner erbeutet. Auch in der Luft geht der Kampf weiter. Neben vermehrten Luftschlägen steigt die Anzahl der abgeschossenen Kampfjets auf mindestens drei. Das dritte Flugzeug des Typs „Mirage F-1“ wurde über dem al-Watiyah-Flughafen abgeschossen, nachdem es dort Einheiten der LNA attackierte.

Auch fernab der Tripolis-Frontlinien kam erstmals zu Gefechten. Die „Southern Protection Force“ behaupten, den Tamenhint-Flughafen nahe der südwestlibyschen Stadt Sabha von den Einheiten der Libyschen Nationalarmee erobert zu haben. Der überraschende Angriff, welcher Teil der Operation „Vulkan des Zorns“ ist, auf die erst vor wenigen Monaten eroberten Positionen der LNA sind ein verheerender Verlust für die Tobruk-Regierung und ein Anzeichen dafür, dass der derzeitige Krieg sich auf weitere Teile des Landes ausweiten kann. Die derzeitige Kontrolle über den Flughafen ist ungeklärt, die LNA soll angeblich die Luftwaffenbasis wiedererobert haben. Jedoch waren die Kämpfe nicht ohne Kosten und viele Ressourcen mussten von Tripolis abgezogen werden, um sie effektiv im Süden einzusetzen. Tobruk zufolge wurde die „Southern Protection Force“ durch Söldner aus dem Tschad unterstützt.

Diese Beschuldigungen seitens LNA nehmen vor allem in letzter Zeit zu. Der Pressesprecher des Verteidigungsministeriums veröffentlichte mehrere Videos, in denen eine Kooperation zwischen Soldaten der Einheitsregierung und amerikanischen Spezialeinheiten zu sehen ist. Jedoch ist nicht klar, ob diese Videos aktuell sind. Möglicherweise stammen sie noch aus dem Zeitraum, wo die USA die Anti-IS-Operationen der GNA rundum der Stadt Sirte unterstützte bzw. Truppen ausbildete. Zudem wurde bereits zu Beginn der Kämpfe ein Großteil des amerikanischen Personals aus Tripolis evakuiert.

Die GNA ist zunehmend international isoliert. Selbst die USA kehrt der Regierung den Rücken und Präsident Trump sicherte Haftar seine Unterstützung im Kampf für Stabilität und gegen den Terrorismus an. Auch Nachbarländer distanzieren sich vom Präsidenten der Einheitsregierung al-Sajjar, so protestieren Algerien und Tunesien zwar gegen die derzeitigen Gefechte, schienen aber nicht daran interessiert zu sein, ernstere Maßnahmen zu unternehmen. Einzig Italien, die Türkei und Katar scheinen treu zu ihrem Verbündeten in Westlibyen zu halten. So begeben sich zwei türkische Kriegsschiffe an die libysche Küste vor Tripolis, um nach eigener Darstellung eine „Anti-Schmuggel-Operation“ zu starten.

https://twitter.com/LiBya_73/status/1121084699340935175

Die Tobruk-Regierung unter Kahlifa Haftar kontrolliert etwa 80% des Landes, ein Großteil davon ist jedoch Wüste. Die dortige Koalition bestand zunächst aus verschiedenen Milizen, welche sich jedoch auch aufgrund internationaler Hilfe zunehmend professionalisierten und inzwischen in Form der „Libyschen Nationalarmee“ zu den stärksten Streitkräften auf dem libyschen Schlachtfeld gehören. Dennoch agieren viele Milizen unter dem Schirm der LNA weiterhin unabhängig. Haftar verschrieb sich persönlich der primären Bekämpfung von islamistischen Kräften im Land, so wurden über mehrere Jahre und Monate hinweg Städte wie Benghazi oder Dernah aus den Händen des Islamischen Staates, al-Qaidas oder lokaler Islamisten befreit. Unterstützt wird er dabei vor allem durch Russland, das Nachbarland Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und auch Frankreich, welches zunehmend gute Beziehungen zu Haftar aufrecht erhält, nachdem er für eine Notoperation nach Frankreich transportiert wurde. Zudem ist er amerikanischer Staatsbürger, nachdem er erfolglos gegen Ghadaffi 1989 geputscht hatte und die USA ihm eine Zuflucht anbot.

Auf der anderen Seite befindet sich die sogenannte „Einheitsregierung“, welche von der UN als legitimer Vertreter des libyschen Staates angesehen wird. Im Vergleich zur Tobruk-Regierung existiert eine niedrigere militärische und politische Einheit, immer wieder versuchen lokale Milizen aus den verschiedenen Vorstädten von Tripolis um die Herrschaft zu buhlen und attackierten auch mehrmals die örtlichen „Tripolis Protection Force“. Die verschiedenen Milizen vor Ort haben die tatsächliche Macht in der Region, die Regierung unter al-Sarraj ist vergleichsweise machtlos und auf die internationale Unterstützung angewiesen. Der Konflikt zwischen der Einheits- und Tobruk-Regierung ist aber nicht nur Ausdruck geopolitischer Machenschaften, sondern zeigt die weiterhin bestehende Aufteilung des Landes in das ostlibysche Cyranaika und westlibysche Tripolitanien auf, die die angespannten Beziehungen der Regierungen und Bevölkerung stärken.

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