„Rebellen“ und Islamischer Staat arbeiten in Südsyrien zusammen

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Geflüchtete Einwohner kehren in die von der Armee eroberten Orte wieder zurück

Die Syrisch-Arabische Armee und verbündete Gruppierungen treffen erstmals seit Anbeginn der Militäroffensive im Süden des Landes auf erbitterten Widerstand, die ersten größeren Verluste gibt es zu vermelden. Die Armee versucht militärisch auf schwierigem Terrain westlich der Großstadt und dem Geburtsort der „Revolution“ Dara’a vorzurücken und wird dabei von der Opposition mit amerikanischen Panzerabwehrwaffen konfrontiert. Einigen Berichten zufolge sollen sich unter diesen Aufständischen ebenfalls Kämpfer des Islamischen Staates befinden, die sich der Opposition in ihrem Kampf gegen die Regierung anschließen. Währenddessen lehnen die „Rebellen“ im Gegensatz zum Beginn jegliche Friedensversuche und Verhandlungen mit der Regierung ab.

Die anfänglichen Hoffnungen und Vereinbarungen zwischen Stammesführern, Oppositionsgruppierungen, Russlands und der syrischen Regierung scheinen inzwischen erschöpft zu sein. Während in Ost-Dara’a Dutzende Städte und Dörfer ihre Waffen niederlegten und dadurch der Zerstörung gegen eine ohnehin militärische Übermacht entgehen konnten, scheinen die übrig gebliebenen Orte weniger interessiert an einem Frieden zu sein. Darunter leidet vor allem die Zivilbevölkerung, die sich bereits zu Zehntausenden in bisher sichere Gebiete begeben hat, darunter an das israelische Grenzgebiet, jordanische Grenze, sicheres Regierungsterritorium und sogar zum Islamischen Staat, der in der südwestlichsten Ecke mehrere Städte und ein Tal hält.

Bereits die Entführung einer Friedensdelegation aus der Stadt Saida zeigt, dass zumindest die extremistischeren Kreise keinerlei Interesse an einem Frieden haben, stattdessen ziehen sie einen aussichtslosen Kampf vor, in dessen Folge es zu Tod und Zerstörung kommt. Besonders die Städte Saida und Tafas werden seit Tagen von den syrischen und russischen Luftstreitkräften bombardiert, nachdem sie die anfänglichen Verhandlungen einfach verließen. Nun steht die Armee vor den Stadteingängen und versucht, Tafas vollständig zu erobern.

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Überreste von zwei zerstörten T-72-Panzern südwestlich von Dara’a

In der Region um Tafas dauern auch derzeit die größten Gefechte an, das hügelige Terrain gibt der Opposition gute Chancen zur Verteidigung. Mehrere Kilometer südlich beispielsweise konnte man mithilfe amerikanischer Panzerabwehrwaffen (TOWs) mehrere Panzer und Transporter zerstören oder beschädigen, darunter auch russische T-72. Insgesamt stiegen die materiellen und personellen Verluste im Vergleich zu den Vortagen extrem an, darunter befinden sich auch zwei getötete Generäle.

Sollte die Armee um Tafas weiter vorrücken würde das eine Spaltung der von den Aufständischen kontrollierten Gebiete bedeuten: Einen weiterhin umkämpften Teil in der Provinz Quneitra und Rest-Dara’a, wo es im Gegensatz dazu noch zu Verhandlungen gibt. Fast alle Siedlungen in Ost-Dara’a akzeptierten eine Waffenruhe und nehmen an dem sogenannten „Versöhnungsprozess“ teil, in der die bewaffneten Kämpfer eine Generalamnestie erhalten und die Orte der syrischen Regierung übergeben werden. Die letzte größere Stadt war Bosra al-Sham, wo sich derzeit russisches Militär aufhält. Damit bleiben nur noch einige wenige Dörfer an der jordanischen Grenze und der einzige Grenzübergang beim Dorf Naseeb.

Ein weiterer Faktor für den bisher relativ erfolgreichen Widerstand sind neben ausländischer Bewaffnung aber auch die radikaleren Organisationen vor Ort, die militärisch wesentlich kompetenter sind als ihre „moderaten Brüder“. Die oppositionellen Kräfte vor Ort sind im Vergleich zum Rest des Landes verhältnismäßig moderat unter der Führung der „Southern Front“, das größte Bündnis im Süden. Nachdem aber Erfolge gegen die syrische Armee seit Jahren ausblieben, gewannen islamistische Kräfte wie Ahrar al-Sham, Tahrir al-Sham oder die dem Islamischen Staat angehörige Jaish Khalid bin-Waleed an Zulauf.

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2015 stürmten Anhänger des IS und „normale Rebellen“ eine Militärbasis in Südsyrien und töteten darauf alle Soldaten

Letztere agiert unabhängig und kämpfte auch relativ erfolgreich gegen die Opposition. Aufgrund der wachsenden Gefahr vor der syrischen Armee aber konnten beide Seiten laut dem Insider Aymenn Jawad Al-Tamimi eine Waffenruhe und freie Handelswege beschließen. Zudem sollen sich bisher 50 Freiwillige des Islamischen Staates den Reihen der „Rebellen“ im Kampf gegen das „Nusayri-Regime“ (syrische Regierung) angeschlossen haben. Tatsächlich wurde bereits in einem vor einer Woche veröffentlichten Rekrutierungspapier lediglich die Regierung als Feind und Grund für eine Mobilisierung genannt, nicht die Opposition. Ohnehin bemühten sich beide Seiten vor einem Monat schon, ihre Streitigkeiten beizulegen und sich stattdessen auf den „wirklichen Feind“ und nicht die „muslimischen Brüder“ zu konzentrieren. Außerdem berichtet der libanesische Fernsehsender al-Mayadeen davon, dass die Stadt Tafas sich dem IS angeschlossen hat. Diese Meldung ist aber unbestätigt und auch eher unwahrscheinlich.

Auch wenn diese Kooperation (bisher) auf kleinem Level geschieht und die religiöse Führung derartige Bündnisse nicht unterstützt aber toleriert, offenbart sie eine neue alte Tradition zwischen der Opposition und dem Islamischen Staat, die bis in das Jahre 2015 zusammen die syrische Regierung attackierten. In Südsyrien koordinierte man z.B. zusammen einen Angriff auf die Militärbasis der 52. Brigade bei al-Hirak, in dessen Folge die Soldaten vor Ort massakriert wurden. Das Bündnis wird nur stärker, je weiter die Armee im Süden vorrücken kann.

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