Wie eine Stadt das Bündnis zwischen Kurden und USA zerstören könnte

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Türkischen Berichten zufolge konnte sich die türkische Regierung und die USA auf eine Vereinbarung bezüglich der nordsyrischen Stadt Manbij einigen, die seit der Eroberung 2016 vom Islamischen Staat unter der Kontrolle des arabisch-kurdischen Milizenbündnisses der „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) steht, wobei das kurdische Segment der Volksverteidigungseinheiten (YPG) immer wieder der Stein des Anstoßes für Konflikte zwischen der SDF bzw. USA und der Türkei ist. In diesen neuen Verhandlungen soll man sich angeblich auf den Abzug der letzten verbliebenen YPG-Kämpfer und Mitglieder einigen, wofür hingegen andere Verbände der SDF die Region übernehmen werden. Damit erreicht die Türkei ein Ziel, welches sie bereits vor zwei Jahren forderten und nun triumphal hervorgehen. Währenddessen nährt sich scheinbar der Unmut der Kurden gegenüber der USA und versuchen inzwischen, intensivere Beziehungen mit der syrischen Regierung einzugehen. Trotzdem kommt es weiterhin zu Protesten in der Stadt, die zurzeit den Konflikt zwischen mehreren Seiten anheizt.

Auch wenn es bereits vor etwa zwei Wochen erste Berichte von Verhandlungen zwischen der Türkei und der USA und einer daraus resultierenden Ausarbeitung einer „Roadmap“ für Manbij gab, ist dieses neue Ergebnis sehr überraschend. Scheinbar derart überraschend, dass der regierende Manbij-Militärrat selber darüber nicht informiert wurde, einzig und allein die USA schien über die Köpfe der SDF hinweg diese Entscheidung getroffen zu haben. Der Anführer Sharfan Derwish verlangt eine Erklärung der amerikanischen Regierung zu diesem Vorfall und die Ablehnung einer türkischen militärischen Präsenz. Denn einigen Gerüchten zufolge soll das Nachbarland zunächst mehrere Observierungspunkte errichten und am Ende sogar die Sicherheitskräfte vor Ort ausbilden.

Tatsächlich war ein Manbij unter kurdischer Kontrolle schon immer ein Dorn im Auge der türkischen Regierung, bereits damals als die YPG/SDF die Manbij-Offensive auf den Islamischen Staat starteten gab es erhebliche Kritik. Manbij selber liegt westlich des Euphrats, die von Erdogan oft als „rote Linie“ bezeichnet wurde. Trotz der Drohungen konnte das Milizenbündnis mit amerikanischer und französischer Unterstützung den Ort einige Monate später erobern. Bereits dort verlangte man den Abzug sämtlicher YPG-Verbände und erhielten von der USA sogar die Bestätigung dafür.

Der wirkliche Konflikt begann erst mit der direkten türkischen Intervention im Zusammenhang der Operation „Euphrates Shield“ an der Grenze zu Syrien, wo man kurz darauf die Grenzstadt Jarablus sichern konnte. Nahezu zeitgleich startete die SDF auch eine Offensive in diese Richtung, wodurch es zum direkten Konflikt mit der türkischen Armee kam. Nach einigen Gefechten musste sich die SDF geschlagen geben und wurde bis zum Fluss Sajur zurückgedrängt, der nun als natürliche Grenze zwischen den beiden Fraktionen dient. Bei diesen Kämpfen kamen auch YPG-Kämpfer um wie gefundene Pässe belegen, die USA hatte also gelogen. Seitdem wurde es aber wieder still um Manbij, zumindest auf öffentlicher Ebene.

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Trotz der abkühlenden Beziehungen errichtete die USA (zusammen mit Frankreich) neue Militärstützpunkte in und um Manbij

In Manbij selber wird ein brutaler Untergrundkrieg zwischen den verschiedenen Stellvertretern geführt. Besonders präsent ist dabei die Gruppierung „Harakat al-Qyiam“, die mithilfe von Guerilla-Techniken über ganz Nordsyrien hinweg Anschläge auf SDF-Mitglieder ausführt. Darunter befinden sich auch ranghöchste Mitglieder wie der bereits erwähnte Sharfan Derwish, der sein Attentatsversuch schwer verletzt überleben konnte. Wenige Tage zuvor ließ die Gruppierung über Twitter abstimmen, ob sie zuerst Derwish oder Cemir Mazlum töten sollten. Derwish gewann am Ende. Auch wenn sie sich selber als neutrale Gruppierung bezeichnet soll sie Verbindungen zur Türkei und vor allem zum türkischen Geheimdienst aufweisen.

Am 30. März tötete Mine jeweils einen amerikanischen und britischen Soldaten in den Außenbezirken von Manbij, die sich zu dem Zeitpunkt auf Patrouille befanden. Auch wenn sich al-Qiyam nicht zur Tat bekennt gelten sie als den wahrscheinlichsten Drahtzieher, da sie traditionell seit Monaten in Manbij operieren, andere Organisationen den Angriff nicht für sich beanspruchen und es der derzeitigen türkischen Politik entgegenkommt. Denn es ist durchaus denkbar, dass die Türkei durch derartige Anschläge versucht, die Präsenz der USA in Manbij zumindest zu reduzieren und sich damit ein „freies Feld“ für eine Offensive auf die SDF in der Region zu geben, da die schützende Hand der USA der einzige Grund für das bisherige Ausbleiben von Angriffen der Türkei ist.

Auch innerhalb der Bevölkerung gibt es Widerstand gegen die derzeit amtierende Regierung unter der SDF, weshalb es immer öfters zu Protesten kommt. Diese Demonstrationen sind dabei nicht homogen und können teilweise den Unterstützern der Regierung oder der Opposition zugeschrieben werden. Vor sieben Monaten kam es zu einem kurzlebigen Generalstreik in der gesamten Stadt. Auch wenn diese Proteste wahrscheinlich eher einen kleineren Teil der Bevölkerung darstellen sind sie im Vergleich zu anderen Landesteilen in Nordsyrien quantitativ sehr häufig.

Unmut macht sich auch in den politischen Reihen der YPG breit, weshalb sie am Mittwoch eine Delegation mit wichtigen Mitgliedern nach Damaskus schickten, um dort mit der syrischen Regierung ohne „Vorbedigungen“ zu verhandeln. Unter der Führung von Ilham Ahmad (Stellvertretende der YPD und PKK-Veteranin) bezeichnete man diese Diplomatie außerhalb den Einflüssen „anderer Nationen“ als einzigen Weg für eine gesamtsyrische Lösung. Vorausgegangen war die Aussage von Bashar al-Assad, dass es für die SDF nur zwei Optionen gibt: Verhandlungen und eine diplomatische Beilegung des Konfliktes mit dem Ziel der vollständigen Wiedereroberung Syriens unter der Kontrolle der syrischen Regierung oder eine militärische Lösung.

Als klare Nutznießer der neu entstandenen Situation gehen also die syrische Regierung und die Türkei hervor. Die ansonsten intensiven und voneinander abhängigen Beziehungen zwischen der USA und YPG/SDF erhalten erneut über den Umgang mit der Türkei Risse, wobei Amerika die Türkei den Kurden vorzuziehen scheinen. Dies bietet für Assad die Möglichkeit, dieses Misstrauen zu fördern und damit als neuer Verbündeter aufzutreten, wie sie es bereits in ähnlicher Form in den 1990er zwischen Syrien und der PKK gab. Vor allem aber gibt es dem Land die Möglichkeit, ohne weitere Eskalationen eine Wiedervereinigung zu erreichen.

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